Vorschriften zur Online-Durchsuchung im VSG-NRW sind verfassungswidrig und nichtig

Rechtsgebiete: Internetrecht & Domainrecht, EDV-Recht & IT/TK-Recht, Verfassungsrecht
Rechtstipp vom 29.02.2008

Mit sei­nem Ur­teil vom 27.02.2008 hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) den Ver­fas­sungs­be­schwer­den ei­ner Jour­na­lis­tin und drei­er Rechts­an­wäl­te ge­gen Vor­schrif­ten im nordr­hein-west­fä­li­schen Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz (VSG-NRW) zur On­line-Durch­su­chung und zum heim­li­chen Auf­klä­ren des In­ter­net (On­line-Über­wa­chung) stattge­ge­ben und die be­tref­fen­den Vor­schrif­ten für nich­tig er­klärt. Hin­ge­gen hat es die im v.g. Ge­setz vor­ge­se­he­ne Er­he­bung von Kon­toin­hal­ten und Kon­to­be­we­gun­gen als grund­ge­setz­kon­form er­ach­tet und dies­be­zü­glich ins­be­son­de­re nicht auf ei­ne Ver­let­zung des Rechts auf in­fo­rmel­le Selbst­be­stim­mung er­kannt. 

Ge­mäß den Ur­teils­grün­den ver­letzt der den heim­li­chen Zu­griff auf in­for­ma­tions­tech­ni­sche Sys­te­me ("On­line-Durch­su­chung") re­geln­de § 5 Abs. 2 Nr. 11 Satz 1 Alt. 2 VSG-NRW das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht in sei­ner be­son­de­ren Aus­prä­gung als Grund­recht auf Ge­währ­leis­tung der Ver­trau­lich­keit und Inte­gri­tät in­for­ma­tions­tech­ni­scher Sys­te­me und ist da­her nich­tig. Ins­be­son­de­re wahrt die­se Vor­schrift nicht das Ge­bot der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (i.e.S.), da im Hin­blick auf die Schwe­re des Ein­griffs, so das BVerfG, die heim­li­che In­fil­tra­tion ei­nes in­for­ma­tions­tech­ni­schen Sys­tems, auf de­ren We­ge die Sys­tem­nut­zung über­wacht und des­sen Spei­cher­me­dien aus­ge­le­sen wer­den kön­nen ("Quel­len-Te­le­kom­mu­ni­ka­tions­ü­ber­wa­chung"), nur im Fal­le des Be­ste­hens tat­säch­licher An­halts­punk­te für das Vor­lie­gen ei­ner (zu­min­dest) kon­kret dro­hen­der Ge­fahr für ein  - über­ra­gend wich­ti­ges - Rechts­gut ver­fas­sungs­recht­lich zu­läs­sig ist.  

"Über­ra­gend wich­tig" sind, so das BVerfG, Leib, Le­ben und Frei­heit der Per­son so­wie sol­che Gü­ter der All­ge­mein­heit, de­ren Be­dro­hung die Grund­la­gen oder den Be­stand des Staa­tes oder die Grund­la­gen der Exis­tenz der Men­schen be­rührt wie bspw. die Funk­ti­ons­fä­hig­keit we­sent­li­cher Tei­le exis­tenz­si­chern­der öf­fent­li­cher Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen. Hin­ge­gen ist zum Schutz sons­ti­ger Rechts­gü­ter Ein­zel­ner oder der All­ge­mein­heit in Fäl­len, wo ei­ne exis­ten­ziel­le Be­dro­hungs­la­ge nicht be­steht, ei­ne staat­li­che Maß­nah­me grund­sätz­lich un­an­ge­mes­sen, wenn durch sie - wie hier - die Per­sön­lich­keit des Be­trof­fe­nen ei­ner weit­ge­hen­den Aus­spä­hung durch die Er­mitt­lungs­be­hör­den preis­ge­ge­ben wird. Es ist über­dies ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­ten, heim­li­che Er­mitt­lungs­maß­nah­men, die ei­nen schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff be­wir­ken, ei­ner vor­beu­gen­den Kon­trol­le in Form des Vor­be­halts rich­ter­li­cher An­ord­nung zu un­ter­stel­len. Da­rü­ber hin­a­us wird die v.g. Vor­schrift, die zu Grund­rechts­ein­grif­fen von ho­her In­ten­si­tät er­mäch­tigt, dem Ge­bot der Nor­men­klar­heit und Nor­men­bes­timm­theit in­so­weit nicht ge­recht, als sich die tat­be­stand­li­chen (Ein­griffs-) Vo­raus­set­zun­gen der ge­re­gel­ten Maß­nah­men dem Ge­setz nicht ent­neh­men las­sen.

Fer­ner fehlt es im VSG-NRW an hin­rei­chen­den ge­setz­li­chen Vor­keh­run­gen, um Ein­grif­fe in den ab­so­lut ge­schütz­ten Kern­be­reich pri­va­ter Le­bens­ge­stal­tung zu vermeiden. Ei­ne ge­setz­li­che Er­mäch­ti­gung zu ei­ner Über­wa­chungs­maß­nah­me, die den Kern­be­reich pri­va­ter Le­bens­ge­stal­tung be­rüh­ren kann, muss so weit­ge­hend wie mög­lich si­cher­stel­len, dass Da­ten mit Kern­be­reichs­be­zug (Da­tei­en höchst­per­sön­lic­hen In­halts wie et­wa ta­ge­bu­char­ti­ge Auf­zeich­nun­gen oder pri­va­te Film- und Ton­do­ku­men­te) nicht er­ho­ben wer­den. Im Hin­blick da­rauf, dass es bei dem heim­li­chen Zu­griff auf ein in­fo­r­ma­tions­tech­ni­sches Sys­tem prak­tisch un­ver­meid­bar ist, In­for­ma­tio­nen zu Kennt­nis zu neh­men, be­vor ihr Kern­be­reichs­be­zug be­wer­tet wer­den kann, muss für hin­rei­chen­den Schutz in der Aus­wer­tungs­pha­se ge­sorgt wer­den. So sind ins­be­son­de­re auf­ge­fun­de­ne und er­ho­be­ne Da­ten mit Kern­be­reichs­be­zug un­ver­züg­lich zu lö­schen und muss ih­re Ver­wer­tung aus­ge­schlos­sen sein. Die­sen An­for­de­run­gen ge­nügt nach Auf­fas­sung des BVerfG das VSG NRW resp. § 5 Abs. 2 Nr. 11 Satz 2 Alt. 2 VSG NRW eben­falls nicht. 

BVerfG, Ur­teil vom 27.02.2008 - 1 BvR 370/07 - und -1 BvR 595/07 -  

An­mer­kung: Die mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den auf den Prüf­stand des BVerfG ge­stell­te und nun­mehr für nich­tig er­klär­te Lan­des­norm (§ 5 Abs. 2 Nr. 11 Satz 1 Alt. 2 VSG-NRW) ent­hielt die ers­te und bis­lang ein­zi­ge aus­drück­li­che Er­mäch­ti­gung ei­ner deut­schen (Ver­fas­sungs­schutz-) Be­hör­de zu "On­line-Durch­su­chun­gen". Auf Bun­de­se­be­ne ist die Dis­kus­sion, wel­che Be­hör­den un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen zu sol­chen Durch­suchungen er­mäch­tigt wer­den sol­len, noch nicht ab­ge­schlos­sen. Der­zeit steht im Zent­rum sol­cher Über­le­gun­gen, ei­ne Er­mäch­ti­gung zu "On­line-Durch­suchungen" für das Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) zu schaf­fen; dies im Rah­men sei­ner neu in das Grund­ge­setz auf­ge­nom­me­nen Auf­ga­be zur Ab­wehr von Ge­fah­ren des in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus (Art. 73 Nr. 9a GG). Auch für die­se Über­le­gun­gen und de­ren Um­set­zung wird das vor­lie­gen­de BVerfG-Ur­teil auf­grund der in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den de­zi­diert an­ge­führ­ten An­for­de­run­gen an die Zu­läs­sig­keit sol­cher Er­mitt­lungs­me­tho­den An­lass ins­be­son­de­re für die Ab­kehr von ei­ner "ent­wick­lungs­of­fen" for­mu­lier­ten Ge­setz­ge­bung ge­ben. So hat­te - und ist sie da­mit vor dem BVerfG ge­schei­tert - die Lan­des­re­gie­rung von NRW u.a. ar­gu­men­tiert, § 5 Abs. 2 Nr. 11 VSG-NRW ge­nü­ge dem Ge­bot der Nor­men­klar­heit, weil die Vors­chrift im Hin­blick auf mög­li­che tech­ni­sche Neue­run­gen "ent­wick­lungs­of­fen" ha­be for­mu­liert wer­den dür­fen/müs­sen. 

Über­ra­gen­de Be­deu­tung ist dem BVerfG-Ur­teil vor al­lem des­halb bei­zu­mes­sen, weil es - mit Blick auf die ra­san­te Ver­brei­tung ver­netz­ter in­for­ma­tions­tech­ni­scher Sys­te­me und we­gen der Be­deu­tung der Nut­zung sol­cher Sys­te­me für die Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung und der mit die­ser Nut­zung ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten neu­er Per­sön­lich­keits­ge­fäh­rdun­gen - für den Nut­zer sol­cher Sys­teme ein grund­recht­lich er­heb­li­ches Schutz­be­dürf­nis sieht und ge­währ­leis­tet ver­langt. In sei­ner da­zu im Ur­teil an­ge­führ­ten Bes­tand­sauf­nah­me ge­langt es zu dem Er­geb­nis, dass die bis­lang vor­han­de­nen, (grund-)ge­setz­li­chen Nor­men zum Schutz des Kern­be­reichs pri­va­ter Le­bens­ge­stal­tung der wei­ter fort­ge­schrit­te­nen Ent­wick­lung der In­for­ma­ti­ons­tech­nik nicht mehr hin­rei­chend Rech­nung tra­gen­ 

Es hat die­sen Be­fund zum An­lass ge­nom­men, dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) - über sei­ne bis­her an­er­kann­ten Aus­prä­gun­gen hi­naus (wie ins­bes. die Ge­währleistungen des Schut­zes der Pri­vat­sphä­re und des Rechts auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung) in sei­ner be­son­de­ren Aus­prä­gung nun­mehr auch die "lü­cke­naus­fül­len­de Funk­ti­on" als Grund­recht auf Ge­währ­leis­tung der Ver­trau­lich­keit und In­teg­ri­tät in­for­ma­tions­tech­ni­scher Sys­tem" zu­zuweisen.

Die­ses spe­zi­fi­sche Grund­rechts­schutz er­fasst, so das BVerfG, Ein­grif­fe des Staa­tes in Sys­te­me, die al­lein oder in ih­ren tech­ni­schen Ver­net­zun­gen per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten des Be­trof­fe­nen in ei­nem Um­fang und in ei­ner Vielfalt ent­hal­ten kön­nen, so dass dem Staat und sei­nen Er­mitt­lungs­be­hör­den durch den Zu­griff auf sol­che Sys­te­me mög­lich ist, ei­nen Ein­blick in we­sent­li­che Tei­le der Le­bens­ge­stal­tung der Sys­tem­nut­zer zu ge­win­nen oder gar ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Bild ih­rer Per­sön­lich­keit zu er­hal­ten. Dem Staat und sei­nen Er­mitt­lungs­be­hör­den ist es des­halb grund­sätz­lich ver­wehrt, im We­ge der heim­li­chen In­fil­tra­tion in in­for­ma­tions­tech­ni­sche Sys­te­me Da­ten der Sys­tem­nut­zer zu er­he­ben, aus­zu­le­sen und zu sam­meln, weil ein der­ar­ti­ger Zu­griff mit dem na­he ­lie­gen­den Ri­si­ko ver­bun­den ist, das die er­ho­be­nen Da­ten in ei­ner Ge­samt­schau weit­rei­chen­de Rück­schlüs­se auf die Per­sön­lich­keit des Be­trof­fe­nen bis hin zu ei­ner Bil­dung von Ver­hal­tens- und Kom­mu­ni­ka­tions­pro­fi­len er­mög­li­chen. Das BVerfG spricht hier so­nach ein kla­res (prin­zi­pi­el­les) Ver­bot ge­gen den Staat und sei­nen Er­mitt­lungs­be­hör­den aus, im We­ge der heim­li­chen Infil­tra­tion in infor­ma­tions­tech­ni­sche Sys­te­me "cy­ber-bio­me­tri­sche" Da­ten der Sys­tem­nut­zer zu ge­win­nen. Fol­ge­rich­tig wird im Ur­teil pos­tu­liert, dass die heim­li­che In­fil­tra­tion ei­nes in­for­ma­tions­tech­ni­schen Sys­tems grund­sätz­lich - so­fern kei­ne Aus­nah­me für Eil­fäl­le, et­wa bei Ge­fahr im Ver­zug, vor­liegt - un­ter den Vor­be­halt rich­ter­li­cher An­ord­nung zu stel­len ist. In die­sem Kon­text wird in den Ur­teils­grün­den (Z 259-Z 261) na­he­zu be­schwö­rend aus­ge­führt: "Vo­raus­ge­setzt ist al­ler­dings, dass sie (die Rich­ter) die Recht­mä­ßig­keit der vor­ge­se­he­nen Maß­nah­me ein­ge­hend prü­fen und die Grün­de schrift­lich fest­hal­ten" - und fer­ner von den Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­tern vor­sorg­lich und ex­pli­zit auf ihr Ur­teil zu den An­for­de­run­gen ei­ner aku­sti­schen Wohn­rau­mü­ber­wa­chung (BVerfGE 109, 279, 358ff.) so­wie an die ver­fas­sungsrecht­li­chen Vor­ga­ben für die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Vo­raus­set­zun­gen der An­nah­me ei­nes Eil­fal­les (BVerfGE 103, 142, 133ff.) hin­ge­wie­sen.  

In­des darf die "Sperr­wir­kung" des Ur­teils nicht über­schätzt wer­den. Denn letzt­end­lich wird mit die­sem Ur­teil nur das Vor­ge­hen deutscher Be­hör­den reg­le­men­tie­rt, nicht aber dem Aus­späh-An­grif­fen an­de­rer Staa­ten und de­ren Be­hör­den ein Rie­gel vor­ge­scho­ben. Zu­dem las­sen sich ins­be­son­de­re dem In­ter­net als glo­ba­les Me­di­um auch in die­sem Be­reich kei­ne Fes­seln an­le­gen.  

Christoph Galinsky

Rechtsanwalt


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