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Behandlungsfehler durch Erstbehandler und Nachbehandler (Zurechnungszusammenhang)

Rechtstipp vom 06.08.2018
Aktualisiert am 07.08.2018
(10)
Rechtstipp vom 06.08.2018
Aktualisiert am 07.08.2018
(10)

Das Problem: 

Wenn mehreren Ärzten nacheinander ein Behandlungsfehler unterläuft, versuchen diese oft, sich die Haftung untereinander zuzuschieben. „Durch die Wahl eines neuen Arztes habe der Patient eine selbständige Kausalkette in Gang gesetzt, die jeglichen eventuell anzunehmenden Verursachungsbeitrag aus der vorausgegangenen Behandlung überholt habe“, heißt es dann formvollendet. Das entspricht nicht der Rechtslage. In der Regel haftet der erstbehandelnde Arzt auch für den Behandlungsfehler des Nachbehandlers. Der Zurechnungszusammenhang entfällt lediglich dann, wenn die Behandlung des Nachbehandlers in keinem inneren Zusammenhang mit der Behandlung des Erstbehandlers steht. Eine Haftung des zweiten Arztes kommt auch dann nicht in Betracht, wenn dem Nachbehandler ein vollkommen ungewöhnlich unsachgemäßes Verhalten vorgeworfen werden kann. Das ärztliche Fehlverhalten muss über einen groben Behandlungsfehler hinausgehen und zumindest im „oberen Bereich“ des groben Behandlungsfehlers liegen.

Fünf Beispiele aus der Rechtsprechung:

1. In einem vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall ist einer Patientin bei einer Darmoperation behandlungsfehlerhaft ein Tumor nicht entfernt worden, sondern es sind lediglich Polypen abgetragen worden. Der Tumor musste dann in einer zweiten Operation entfernt werden. Im Rahmen dieser Zweitoperation kam es zu schwerwiegenden Komplikationen und Wundheilungsstörungen. Den Zweitbehandlern war kein Behandlungsfehler vorzuwerfen. Der Bundesgerichtshof hat eine Haftung der Erstbehandler für diese Gesundheitsbeeinträchtigungen bejaht. Der Gesundheitsschaden der Patientin stehe nämlich in einem inneren Zusammenhang mit dem Ersteingriff, weil der Erstbehandler den weiteren Krankheitsverlauf entscheidend geprägt hat. Die Patientin musste sich nämlich nur deshalb einer zweiten Operation unterziehen, weil bei der ersten Operation grob fehlerhaft der Tumor nicht entfernt worden ist. Die eingetretenen Folgeschäden beruhen ausschließlich auf dem zusätzlichen Eingriff, welcher der Patientin bei korrektem medizinischem Vorgehen erspart geblieben wäre.

2. Ist aufgrund eines Behandlungsfehlers eines Gynäkologen bei der Entfernung einer Spirale ein weiterer Eingriff notwendig, bei dem der Patientin dann der Uterus (Gebärmutter) entfernt werden muss, so hat der Erstbehandler nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hierfür auch dann einzustehen, wenn die Entfernung der Gebärmutter vom Nachbehandler fälschlicherweise angeraten worden ist und/oder ihm im Rahmen der Folgeoperation ein Fehler unterläuft.

3. In einem Geburtsschadensfall ist das Neugeborene, trotz dem eine Blutzuckeruntersuchung nach der Geburt Werte unter der Normgrenze ergeben hatte, nach Gabe von Zucker und ohne weitere Hinweise auf die Blutzuckerproblematik aus der Klinik nach Hause entlassen worden. Dort wurde es von der Hebamme weiter betreut. Diese empfahl Tee mit Traubenzucker. Am Morgen des nächsten Tages sah das Neugeborene „wie tot aus“. Die Eltern brachten es um 08:30 Uhr in eine andere Klinik. Um 11.00 Uhr kam es beim Anlegen eines Tropfes aufgrund Hypoglykämie (Unterzuckerung) zu einem Atem-Herz-Stillstand und aufgrund dessen zu einer Hypoxie (Sauerstoffunterverorgung). Das Kind ist schwerstbehindert und fast blind. Sachverständige und Gericht sahen bei der ersten, der zweiten Klinik und bei der Hebamme Behandlungsfehler. Diejenigen der Kliniken wurden als grob bewertet. Es war schon behandlungsfehlerhaft, dass das Neugeborene so früh aus der Klinik entlassen worden ist. Es hätte mindestens 24 Stunden lang beobachtet oder einem Facharzt für Kinderheilkunde vorgestellt werden müssen. Der Kausalzusammenhang dieser Verfehlung der Facharztstandards ist weder durch die Versäumnisse der Hebamme (sie hätte dafür Sorge tragen müssen, dass das Neugeborene von einem Kinderarzt untersucht wird), noch durch die Organisationsversäumnisse des zweiten Krankenhauses (dort hätte es sofort fachkundig untersucht werden müssen) unterbrochen worden.

4. Ein fünfzehnjähriger Junge erlitt eine Hodentorsion (Verdrehung des Hodens mit Unterbrechung der Blutzirkulation). Das ist ein Notfall, weil der Hoden schon nach wenigen Stunden nicht mehr zu retten ist. In der ersten Klinik ist versäumt worden, dafür zu sorgen, dass der Hoden unverzüglich freigelegt wird, um eine Hodentorsion auszuschließen. Stattdessen ist der Junge wegen des Verdachts auf eine Hodentorsion in eine zweite Klinik von seinem Vater mit dem Pkw gebracht worden. Dort wurde der Verdacht bestätigt und die Vorstellung in einer Fachklinik empfohlen. So geschah es. Dort wurde die Operation aber behandlungsfehlerhaft erst drei Stunden später durchgeführt. Der Hoden war nicht mehr zu retten. Für den Hodenverlust haftet auch die erstbehandelnde Klinik, weil sie durch ihre vorwerfbare Fehlentscheidung die Kausalkette in Gang gesetzt hat. Die behandlungsfehlerhafte Operation in der dritten Klinik sah das Gericht zwar als grob fehlerhaft, jedoch nicht als völlig ungewöhnliches und völlig unsachgemäßes Verhalten an. Nur dann, wenn in der dritten Klinik in so ungewöhnlich hohem Maße gegen alle ärztlichen Regeln verstoßen worden wäre, dann wäre ihr der Schaden haftungsrechtlich allein zugeordnet worden. Dafür sah das sachverständig beratene Gericht aber keinen Anhaltspunkt.

5. Nachdem schon im Krankenhaus direkt nach der Geburt „sehr straffe Hüften“ bei der neugeborenen Patientin festgestellt worden sind, ist keine bildgebende Untersuchung durchgeführt worden, sodass die angeborene Hüftdysplasie (Fehlbildung der Hüfte) nicht festgestellt worden ist. Stattdessen wurde empfohlen, sich bei der Kinderärztin und nach sechs Wochen beim Orthopäden vorzustellen, was geschah. Die Kinderärztin bestätigte den Befund der straffen Hüften und unternahm nichts. Der Orthopäde verordnete eine Spreizbandage. Das Gericht sah einen groben (schweren) Behandlungsfehler darin, dass trotz entsprechender Anhaltspunkte nicht sofort eine sonographische Hüftuntersuchung vorgenommen worden ist; zumindest hätte die Mutter zu einer umgehenden Untersuchung (gemäß Sachverständigen „so bald wie möglich“) nachhaltig angehalten werden müssen. Bei unverzüglicher Behandlung wären der Patientin nicht ganz unwahrscheinlich (bei einem groben Behandlungsfehler reicht dieses Beweismaß aus, bei einem einfachen Behandlungsfehler nicht) eine Hüftoperation und Folgeschäden erspart geblieben. Etwaige Behandlungsfehler der nachbehandelnden Ärzte, insbesondere der Kinderärztin, stehen der schadensersatzrechtlichen Verantwortung des erstbehandelnden Krankenhauses nicht entgegen: Hat sich nämlich das Schadensrisiko der Erstursache in der Zweitursache noch verwirklicht, so bleibt der Zurechnungszusammenhang zwischen Erstursache und dem Schadenseintritt erhalten.

Der Tipp:

Der Zurechnungszusammenhang ist also nur in absoluten Ausnahmefällen durchbrochen. Geschädigte Patienten dürfen sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, wenn der Erstbehandler behauptet, er habe mit nachfolgenden Behandlungsfehlern nichts zu tun.

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