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Behandlungsfehler: Sorgfaltsstandard, Prozessrisiko, was ist bei einem Arztfehler zu veranlassen

  • 4 Minuten Lesezeit
Behandlungsfehler: Sorgfaltsstandard, Prozessrisiko, was ist bei einem Arztfehler zu veranlassen

Nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) wurden 2018 in 14.133 Fällen einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler nachgegangen. Ein Arztfehler ließ sich in 4.006 Fällen bestätigen, entsprechend 28 %.

Wenn ein Patient oder ein Angehöriger den Verdacht hat, dass die Behandlung nicht dem medizinischen Sorgfaltsstandard entsprochen hat, ist guter Rat teuer. In der Regel resultiert der Verdacht auf einen Behandlungsfehler daraus, dass die Behandlung nicht wie gewünscht verlaufen ist. Der ungünstige Behandlungsverlauf für sich genommen und selbst das Vorliegen eines auf die Behandlung zurückgeführten Schadens sind jedoch kein Indiz für das Vorliegen einer fehlerhaften Behandlung. Die Frage, ob ein Behandlungsfehler vorliegt oder nicht kann leider nicht pauschal beantwortet werden, außer mit der vom Bundesgerichtshof (BGH) 2003 aufgestellten Formel: „Das Absehen von einer medizinisch gebotenen Vorgehensweise begründet einen ärztlichen Behandlungsfehler.“ Diese Frage kann nur mit Hilfe eines medizinischen Sachverständigen des betroffenen Fachgebietes geklärt werden.

Was schuldet also der Arzt bzw. Zahnarzt?

Einfacher zu beantworten ist die Frage, was ein Arzt bzw. Zahnarzt nicht schuldet: einen bestimmten Erfolg. Das resultiert einerseits aus der Rechtsnatur des Behandlungsvertrages, der eine besondere Form des Dienstvertrages darstellt. Andererseits birgt eine Erkrankung und der ihr anhaftende spontane Verlauf vor dem Hintergrund möglicherweise weiteren Vorerkrankungen zu viele Unwägbarkeiten, als dass man einem Arzt diese Unwägbarkeiten und das Risiko eines ungünstigen Erkrankungs- bzw. Behandlungsverlaufes aufbürden könnte. Allerdings hat ein Arzt und Zahnarzt bei seiner Behandlung, die Diagnostik, möglicherweise vorläufige Verdachtsdiagnose, Diagnose, Therapie, Verlaufskontrolle sowie Aufklärungs- und Hinweispflichten umfasst, die Einhaltung gewisser fachlicher Standards zu gewährleisten. Diese fachlichen Standards unterliegen einer Fortentwicklung, so dass immer auf den Zeitpunkt der Behandlung abzustellen ist, welche Behandlungsstandards einzuhalten waren.

Entwicklung ärztlicher Standards am Beispiel der Wiederbelebung

Beispielsweise haben sich die Standards der Reanimation (Wiederbelebung) nicht nur seit dem Mittelalter, sondern auch in neuerer Zeit grundlegend verändert:  

  • Mittelalter: Gabe von Mixturen aus Lavendel und Moschus, Einsatz eines mit verschiedenen Flüssigkeiten getränkter „Herzschwamm“
  • 17. Jahrhundert: Reizung der Nase mit Ammoniak, Reiben von Körperteilen, Aderlass, Durchführung eines Tabakklistiers 
  • 18. Jahrhundert: Gründung einer Rettungsgesellschaft um die Zahl der Ertrinkungsopfer zu senken: wirkungslose Praktiken wurden aufgegeben (Überkopfaufhängen, Rollen des leblosen Körpers über ein Fass), stattdessen Einblasen von Tabak und Luft in den Mund sowie von Tabakrauch in den Verdauungstrakt. Entkleiden, Wärmen und Einreiben des Körpers mit in Brandy getränkten Tüchern. Zusätzlich wurde erstmals empfohlen, Abdomen und Brust zu komprimieren zur Nachahmung der Atmung.
  • 19. Jahrhundert: Einführung der ersten strukturierten Beatmung, von denen zahlreiche Varianten entwickelt wurden, wie z.B. Kompression in Bauchlage zwischen Schulterblättern, Bewusstlosen auf die Seite rollen um ihn dann wieder auf den Bauch zu rollen und von vorn zu beginnen oder Bewusstloser liegt auf dem Rücken, der Retter positionierte sich am Kopf und zog die Arme zu sich, presste sie auf den Thorax um dies dann zu wiederholen.
  • Der Begriff der Herzdruckmassage sei erstmalig 1960 eingeführt worden, der abweichende Begriff der Herzmassage sei aber schon seit 150 Jahren bekannt gewesen.
  • 1966: Einführung der 5:1 (Einhelfermethode) bzw. 15:2 (Zweihelfermethode) Kompressions-Beatmungsrhythmus, Kompressionsfrequenz 60/Minute
  • 1974 Veröffentlichung von Reanimationsstandards (CPR und ECC) mit Einführung der Herzdruckmassage für Laien
  • 1980 Erneuerung der Standards
  • 1986 Erneuerung der Standards, Herzfrequenz von 80 – 100/Minute
  • 2000 Abschaffung der Pulskontrolle, Neue Kompressions-Beatmungsfrequenz 15:2 für Ein- und Zweihelfermethode, Herdruckmassage mit Frequenz von 100/Minute, ggf. Thoraxkompressionen ohne Mund-zu-Mund-Beatmung, Erweiterung bestimmter Defibrillatoren (AED)auf bestimmte Laiengruppen
  • 2010 AED jetzt auch von Laien einzusetzen, Erhöhung der Kompressionsfrequenz auf 100 – 120/Minute, Kompressionstiefe von 4-5 cm auf 5-6 cm.
  • 2015 Frühes Erkennen und Notruf, Frühe Wiederbelebung durch Notfallzeugen und Einführung der Telefonreanimation, Frühe Defibrillation – auch durch Laien, Frühe erweiterte Reanimationsmaßnahmen. Reanimation ohne Beatmung sind bei herzbedingten Ursachen der Wiederbelebung gleichwertig zu Reanimation mit Beatmung

Was Patienten beweisen müssen und wie die Chancen stehen

Patienten müssen die für sie günstigen Tatbestandsvoraussetzungen beweisen:

  • Behandlungsfehler, dass also die medizinischen Standards im konkreten Behandlungsfall nicht eingehalten wurden
  • Dass Sie einen Schaden erlitten haben.
  • Dass der Behandlungsfehler den erlittenen Schaden verursacht hat.

Das sind hohe Hürden. Wenn man sich einmal die einzelnen Chancen verdeutlicht, wird klar, wie schwierige es für Patienten grundsätzlich ist, ihre möglichen Ansprüche durchzusetzen.

Angenommen, die Wahrscheinlichkeit einen Behandlungsfehler nachzuweisen beträgt 60 %, dass sie einen Schaden erlitten haben 80 % und dass Patienten nachweisen können, dass der Behandlungsfehler ursächlich geworden ist für den Schaden 50 %. Die Gesamtwahrscheinlichkeit in diesem Fall, für einen positiven Prozessverlauf alle Voraussetzungen nachzuweisen, beträgt (60 % x 80 % x 50 %) = 24 %. Ja, Sie lesen richtig, 24 %, denn die Einzelwahrscheinlichkeiten sind zu multiplizieren! Selbst wenn man zu der Überzeugung kommt, dass sich ein Behandlungsfehler sicher nachweisen lasse, also 100 % betrage (Wahrscheinlichkeit eines Schadens betrage 80 % und der Nachweis der Ursächlichkeit lasse sich zu 50 % nachweisen), dann beträgt die Gesamtwahrscheinlichkeit, einen solchen Prozess zu gewinnen 100 % x 80 % x 50 % = 40 %! Natürlich machen solche theoretischen „Berechnungen“ wenig Sinn, sie können aber durchaus die Schwierigkeiten in der Beweisführung eines Arzthaftungsprozesses verdeutlichen.

Hinzu kommt, dass es „den“ Behandlungsfehler nicht gibt. Vielmehr unterscheidet man unterschiedliche Formen:

  • Diagnosefehler
  • Unterlassene Befunderhebung
  • Therapiefehler
  • Anfängerfehler
  • Therapeutische Aufklärung (Sicherungsaufklärung)
  • Übernahmeverschulden
  • Organisationsfehler
  • Koordinationsfehler

Zudem kann es in bestimmten Fällen, beispielsweise bei Vorliegen eines besonders schweren Behandlungsfehlers, dem so genannten groben Behandlungsfehler, Beweiserleichterungen geben bezüglich des Nachweises der Ursächlichkeit des Behandlungsfehlers und dem eingetretenen Primärschaden, dem Schaden, der unmittelbare Folge des Behandlungsfehlers ist.

Was sollte ein Patient bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler veranlassen?

Ein Patient hat unterschiedliche Möglichkeiten vorzugehen, wenn er im Rahmen einer ärztlichen Behandlung einen Schaden erlitten hat und der Meinung ist, dass dieser Schaden auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen ist.

  • Der Patient ist rechtsschutzversichert. In diesem Fall sollte er einen Rechtsanwalt mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Arzthaftungsrecht aufsuchen, der ihn über seine konkreten Möglichkeiten informiert und alles Weitere veranlassen kann.
  • Der Patient ist rechtsschutzversichert und möchte kein Kostenrisiko eingehen. Neben der reinen Durchführung der unten aufgeführten Verfahren gilt es einige Besonderheiten nicht zu übersehen. Das gilt insbesondere hinsichtlich möglicher Verjährung bezüglich des Behandlungsfehlers und Aufklärungsversäumnisse und zwar hinsichtlich aller in Betracht kommenden Behandler.
    • Der Patient sollte die vollständigen Krankenunterlagen bei allen behandelnden Ärzten bzw. Krankenhäusern anfordern. Dafür hat er die Kopierkosten zu tragen. Er kann bei seiner gesetzlichen Krankenkasse, die selbst ein Interesse an der Aufklärung eines Behandlungsfehlers hat, beantragen die Kosten zu übernehmen.
    • Sobald die vollständigen Unterlagen vorliegen kann er seine gesetzliche Krankenkasse bitten, seine Behandlung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) auf Vorliegen eines Behandlungsfehlers prüfen zu lassen.
    • Alternativ kann er bei der Gutachterkommission der jeweiligen Ärztekammer beantragen seinen Fall zu überprüfen.  
  • Natürlich kann auch ein nicht-rechtschutzversicherter Patient unmittelbar anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Erstberatung kostet maximal 190 € zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer. Die weitere Vergütung wird von Anwälten unterschiedlich geregelt und hängt vom zu erwartenden Gegenstandswert und zeitlichen Bearbeitungsaufwand ab. In Betracht kommt die Abrechnung nach den gesetzlichen Mindestregelungen zum Anwaltshonorar nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) sowie zu vereinbarenden Stundensatz- und Pauschalregelungen. In seltenen Fällen kann ein Erfolgshonorar vereinbart werden, wenn dem Patienten ansonsten die Wahrnehmung seiner Rechte verwehrt bliebe.

Was sollte ein Arzt bzw. Zahnarzt bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler veranlassen?

Ein Arzt bzw. Zahnarzt sollte nach Erhalt eines Anspruchsschreibens unverzüglich seinen Vermögensschadenshaftpflichtversicherer informieren und den möglichen Schaden melden. Ansonsten liefe er Gefahr, seinen Versicherungsschutz zu verlieren. Die Versicherer übernehmen automatisch die außergerichtliche Regelung von geltend gemachten Ansprüchen. Ausnahmen können bei Zahnärzten und Schönheitschirurgen vorliegen, wenn lediglich Erfüllungsschäden geltend gemacht werden. In diesen Fällen besteht in der Regel kein Versicherungsschutz, so dass bereits in dieser frühen Phase ein Rechtsanwalt des Vertrauens beauftragt werden kann. Ärzte und Zahnärzte dürfen selbstverständlich das klärende Gespräch mit dem unzufriedenen Patienten suchen, um die Wogen zu glätten und ohne ein Schuldanerkenntnis abzugeben. Von Patienten oder deren Rechtsanwälte angeforderte Akten sollten zudem zügig herausgegeben werden um zusätzliche Kosten durch Herausgabeklagen zu vermeiden.

 

 

Quellen:

  • Notfall Rettungsmed 2015 · 18:655–747, DOI 10.1007/s10049-015-0097-6, Online publiziert: 17. November 2015
  • Dissertation Die Entwicklung und Normierung der Wiederbelebungsmaßnahmen seit dem Tode König Ludwigs II. 1886 bis zur Gegenwart, Caroline Ibald, https://edoc.ub.uni-muenchen.de/22265/7/Ibald_Caroline.pdf

Foto : Herbert Karpienski/Herbert Karpienski



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