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Behandlungsfehler wegen unzureichender Untersuchung im Rahmen der Hautkrebsvorsorge

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Das LG Gießen hat in einem Urteil vom 24.08.2017 (AZ: 5 O 239/15 -rechtskräftig-) festgestellt, dem behandelnden Arzt sei bei der Durchführung von Hautkrebsvorsorge ein Behandlungsfehler zur Last zu legen. Der Geschädigte hatte über 10 Jahre ein Mal auf der Haut, welches sich bei erhabenem Wuchs veränderte und vergrößerte. Gleichwohl hat der behandelnde Arzt bei zwei Untersuchungsterminen das Mal als gutartig bzw. unverdächtig verifiziert und es unterlassen, einen weiteren histologischen Befund nach Exzision des Males zu erheben oder anzuordnen. Erst ca. 4 Monate später hat der Arzt, als sich Blutspuren im Bereich des Males gefunden hatten, den Geschädigten an einen Chirurgen zur Entfernung des Males verwiesen. Die nach der einen Monat später durchgeführten Exzision des Males durchgeführte histologische Untersuchung ergab den dringenden Verdacht auf ein noduläres, malignes Melanom, welcher anschließend im Nachbefund positiv bestätigt wurde.

Das Gericht ist nach Auswertung eines beauftragten Sachverständigengutachtens davon überzeugt, dass nach der sogenannten ABCDE-Regel (Asymmetrische Form, Begrenzung, Colour/Farbe, Durchmesser, Erhabenheit) sowohl bei dem ersten als auch bei dem zweiten Untersuchungstermin mindestens zwei der genannten Kriterien, namentlich der Durchmesser und die Erhabenheit, die Durchführung einer Exzision sowie eine histologische Untersuchung erforderlich gemacht hätten. Diesen Behandlungsfehler habe der behandelnde Arzt auch zu vertreten, da er insoweit fahrlässig gehandelt habe. Der Geschädigte sei durch den Behandlungsfehler in seiner Gesundheit verletzt worden, da er im Zeitpunkt der Exzision bereits an Hautkrebs im Sinne eines malignen Melanoms litt und in diesem Bereich zumindest ein Lymphknoten mit Metastasen befallen war. Mehrere Lymphknoten mussten entfernt werden. Es sei auch davon auszugehen, dass der Behandlungsfehler ursächlich für die Verletzung der Gesundheit des Geschädigten war, wobei hierfür bereits die Vermutung des § 630 h Abs. 5 S. 1 S. 2 BGB streite. Der behandelnde Arzt habe es unterlassen, einen medizinisch gebotenen Befund rechtzeitig zu erheben. Die Erhebung eines solchen Befundes hätte auch mit großer Wahrscheinlichkeit Anlass zu weiteren Maßnahmen gegeben, namentlich einer weiteren Abklärung im Sinne einer Untersuchung des umliegenden Gewebes und der Lymphknoten, wie sie denn auch hier – wenngleich verspätet – erfolgte. Die Wahrscheinlichkeit der Feststellung des histologischen Befundes zum Zeitpunkt der unterlassenen Untersuchungen folge daraus, dass entsprechend den Feststellungen des gerichtlichen Sachverständigen feststeht, dass hier bereits seit einem Zeitraum von ca. 18 Monaten ein malignes Melanom bestand. In Kenntnis der histologischen Feststellung eines solchen Hautkrebs weitere medizinische Maßnahmen zu unterlassen, würde einen Verstoß gegen bewährte ärztliche Regeln darstellen, der schlichthin nicht verständlich wäre, weil er einem Arzt nicht passieren darf, würde mithin einen (hypothetischen) groben Behandlungsfehler i.S. von § 630 h Abs. 5 S. 1 BGB darstellen. Die Vermutung des § 630 h Abs. 5 BGB hat der behandelnde Arzt nicht widerlegt.

Das Gericht bemisst das Schmerzensgeld mit EUR 30.000,00. Hierbei berücksichtigt das Gericht die Belastung des Geschädigten durch die Auswirkungen einer zu spät erkannten Hautkrebserkrankung und führt aus, diese folge hierbei zum einen aus den sich hieraus ergebenden Operationen und regelmäßig erforderlichen Nachfolgeuntersuchungen und zum anderen aus der hiermit verbundenen psychischen Belastung im Sinne von weiterer Krebsangst (vgl. OLG Frankfurt, Urteil vom 02.09.2008, AZ: 8 U 102/07).


Rechtstipp vom 07.11.2017

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            Dr. H.J. Wussow & R.J. Wussow Rechtsanwälte Dr. H.J. Wussow & R.J. Wussow Rechtsanwälte

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