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Beratung zur Altersvorsorge und ihre Probleme (Teil 2: Problempunkte der Beratung u. a.)

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An welchen Punkten versagt in der Praxis zumeist eine Beratung zur Altersvorsorge?

Die Voraussetzungen einer Beratung zur Altersvorsorge wurden einführend beschrieben. In der Praxis werden zahlreiche Fehler begangen. Hier sollen die am häufigsten vorkommenden Fehler/Beratungsfehler grob und vereinfacht dargestellt werden.

a) Fehler bei der Dokumentation der Beratung

Die Dokumentation, die zum Teil vorgeschrieben ist erbringt nicht die Gewähr oder die Sicherheit einer guten Beratung. Erreicht werden soll, dass die Berater mehr und mehr in die Pflicht genommen werden eine anleger- und anlagengerechte Beratung zu erbringen.

Vorgefertigte Dokumentationsformulare zeigen aber nur einen Teil der notwendigen Informationen für die Beratung auf. Finanzvermittler nehmen diese Dokumentation jedoch nicht selten als Grundlage für den Beratungsablauf. Das Ergebnis ist, dass einerseits die vom Beratenden einzuholenden Informationen etc. nicht vollständig sind und genauso die zu erfolgende Aufklärung z.B. zu einzelnen Risikopunkten. Das weitere Ergebnis ist, dass eine fehlerhafte Anlageberatung stattfand.

b) Fehler bei der Interpretation und/ oder Nichtbeachtung oder besser gesagt der Ignoranz der Kundenwünschen hinsichtlich der Rendite und des Risikos

Zunächst sei hier erwähnt, dass Renditeerwartung (Wunschrendite etc.) nichts mit Risikoklasse zu tun hat. Es ist fehlerhaft eine hohe Renditeerwartung mit der Risikoklasse gleichzusetzen. Aber leider wird dies von Beratern immer wieder so gehandhabt. Die Folge ist, dass fast immer eine zu risikante Kapitalanlage empfohlen und gekauft wird. Selbst wenn die Kapitalanlage auch über Jahre hinweg sich zunächst positiv entwickelt, entspricht das Produkt nicht der Risikoklasse des Anlegers und das zu hohe Risiko kann sich jederzeit z.B. durch Buchverluste oder reale Verluste zeigen.

Hier ist auch zu nennen, dass die drei Hauptanlageziele Rendite, Verfügbarkeit und Sicherheit für den konkreten Anleger anhand der Beratung ausbalanziert, d.h. für ihn zugeschneidert werden müssen. Höhere Wünsche gehen zu Lasten der anderen Ziele. Weiter sei erwähnt, dass selbst für Anlagevermittler ein konkreter Renditevergleich verschiedener Produkte aufgrund der Komplexität der Produkte oft nicht einfach ist.

c) Fehler bei der Interpretation und/ oder Nichtbeachtung bzw. Ignoranz von Anlagezielen in Verbindung mit der Risikoeinschätzung

Hier stellt sich die Frage ob und wie eine Anlageempfehlung mit dem Anlageziel vereinbar ist. Oft stimmt die vorgenommene oder richtigerweise vorzunehmende Risikoeinstufung nicht mit konkreten Anlageprodukten überein.

Ein damit zusammenhängendes Problem sind die verwendeten Begriffe für die Risikoeinstufung. Es besteht nach wie vor keine Einheitlichkeit z. B. bei der Verwendung der Begriffe „konservativ", „wertorientiert", „spekulativ" und so fort.

Die Einschätzung des Risikos bleibt oft aufgrund der vagen Begriffe jedem Finanzdienstleister (Kreditinstitute, Anlageberater) selbst überlassen. Grundsätzlich und auch beispielhaft stellt sich die Frage was bedeutet konservativ und was ist unter spekulativ zu verstehen? Wie bereits ausgeführt sollte das maßgebend sein, was der Anleger darunter versteht. Und so sollte auch dokumentiert werden. Im Vergleich zur gängigen Praxis wäre eine Einteilung besser, wenn unter gewisse Begriffe klar definierte Wertpapiere oder Kapitalanlageprodukte zugeordnet würden, d. h. damit aufgezählt werden und bei solch groben Einteilungen der Anleger ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass er einzelne Arten von Kapitalanlageprodukten auch einfach streichen kann. Das letztere schon deshalb, da teilweise verschiedene Kapitalanlageprodukte unter einer Risikoklasse zusammengefasst werden, die teilweise jedoch erhebliche Unterschiede bezüglich des Risikos etc. aufweisen.

Anhand der Einstufung mit den vagen Begriffen erfolgt in der Praxis meist nicht nur die Zuordnung bestimmter Anlageprodukte zu Risikoklassen sondern auch der jeweilige Anteil eines bestimmten Anlageprodukts in der Gesamtanlage.

Im Gegensatz hierzu wäre es in der Praxis relativ einfach für einen Kunden eine Kapitalanlage auszuwählen, welche den tatsächlichen und persönlichen Risikoeinstellungen des Anlegers entsprechen würden. Hierzu muss lediglich vorab das Risiko mit dem Kunden genau quantifiziert und anschließend Kapitalanlagen nach dem sogenannten „Value at Risk-Ansatz" ausgewählt werden. Der Value at Risk-Ansatz ist der maximale Verlust, der innerhalb eines bestimmten Zeitraumes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten kann. Der Value at Risk-Ansatz bietet letztlich auch keine absolute Gewähr, dass das gewünschte Anlageziel erreicht wird, aber es ist doch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu erwarten.

d) Unterlassene oder fehlerhafte Risikoaufklärung

Riskoaufklärung anhand von Charts sind üblich. In der Praxis werden sie immer wieder als Beleg oder als Beweis vorgebracht, dass Charts dem Kunden vorgelegt wurden und der Kunde anhand dieser Charts auch die Risiken erkennen konnte. Für die Darstellung von Charts und damit dem korrelierendem Risiko ist aber der Zeitraum und die Darstellungsart eines Charts maßgebend. Je nach der Darstellungsart erscheinen z. B. die Risiken größer oder kleiner.

Eine anleger- und anlagengerechte Beratung hat sich bzgl. dem Risiko eher darauf zu konzentrieren:

- wie kann die Entwicklung in normalen und in besonderen Zeiten aussehen

- wie würde dies aus historischer Sicht kurz- mittel- und langfristig aussehen

- welche Volatilität, d.h. Schwankungsgröße ist für den Kunden angemesen oder noch vertretbar

- gibt es Mittel oder Möglichkeiten das Risko zu begrenzen

- bestehen Möglichkeiten Gewinne abzusichern (nicht nur eine stark negative Schwankung kann Folgen haben, dass dadurch der Anleger verunsichert aussteigt. Auch eine stark positive Schwankung der Kapitalanlage kann negativ sein, da der „große" Gewinn nicht realisiert wurde).

e) Problem der einmaligen Beratung

Der Berater berät zur Altersvorsorge. Mit der Beratung und der darauf folgenden Anlageentscheidung ist in der Praxis grundsätzlich die Beratung - von Sonderfällen abgesehen - beendet. Die einmalige Beratungsleistung vor der Anlageentscheidung führt den Anleger jedoch oft nicht dahin, dass er mit seiner Anlage auch für die Zukunft ausreichend beraten und informiert ist, um alle möglichen zukünftigen Probleme selbst bewältigen zu können. In der Zukunft potentiell auftauchende Probleme waren aber grundsätzlich zum Zeitpunkt der Beratung bereits erkennbar. Und zu nicht vorhersehbaren Probleme oder Risiken muss erst recht intensiv aufgeklärt und beraten werden, da insoweit gerade ein nicht kalkulierbares Risiko besteht. Dies gilt natürlich auch für langfristige Prognosen, die meist als positiv dargestellt werden und gerade zur Rechtfertigung des Anlageprodukts hervorgehoben werden. Die Zukunft ist jedoch ungewiss. Und selbst wissenschaftliche Wahrscheinlichkeitsrechnungen bringen hierzu nicht mehr tatsächliche Sicherheit sondern „nur" eine erhöhte Plausibilität und ein höheres Zutrauen für eine bestimmte Anlageentscheidung.

Im dritten Teil soll dargestellt werden, ob die Trennung von der Kapitalanlage zur Altersvorsorge und/oder die Einschaltung eines versierten Rechtsanwaltes empfehlenswert ist.

Peter Ganz-Kolb

Rechtsanwalt


Rechtstipp vom 22.10.2010
aus dem Rechtsgebiet Bankrecht & Kapitalmarktrecht

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