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Die Causa "Claudia Pechstein" und das Verhältnis zwischen Sportgerichten und staatlichen Gerichten

Rechtstipp vom 08.03.2016
Rechtstipp vom 08.03.2016

Claudia Pechstein und die „Besonderheiten des Sports“

Wer sich das erste Mal mit dem Sportrecht auseinandersetzt, stößt schnell auf zwei Kernthesen der Materie. Zum einen gilt der pyramidenförmige Aufbau des Vereins- und Verbandswesens. Zum anderen sollen bei der Lösung rechtlicher Probleme mit Bezug zum Sport dessen Besonderheiten Eingang in die Entscheidungsfindung erhalten.

Pyramidenförmiger Aufbau des Sportwesens

Der pyramidenförmige Aufbau lässt sich so verstehen, dass es in der Regel nur einen Dachverband (z. B. FIFA) gibt und sich unter diesem Dachverband weitere Verbände auffächern. So etwa die UEFA im Bereich des Fußballs auf europäischer Ebene. Hierunter befinden sich wiederum die nationalen Verbände und dessen Verbandsmitglieder. Bezogen auf das Beispiel des deutschen Fußballs wären dies auf nationaler Ebene der DFB bzw. die DFL sowie deren zugehörige Mitglieder, nämlich die Vereine.

Sportgerichte vs. staatliche Gerichte?

Seit längerem sorgt die Causa „Claudia Pechstein“ für interessante Entwicklungen und möglicherweise zu einer entscheidenden Konkretisierung in Bezug auf das Verhältnis Sport und Recht. Während Einigkeit darüber besteht, dass der Sport kein rechtsfreier Raum sein kann und darf, entzünden sich die Geister seit jeher an der Frage, wie rechtliche Ausgestaltungen im Sport konkret auszusehen haben. Es besteht Uneinigkeit über die Justiziabilität sportrechtlicher und sportgerichtlicher Entscheidungen.

Die Mitglieder der Verbände unterwerfen sich regelmäßig per Vereinbarung der Sportgerichtsbarkeit. Dies erfolgt über Schiedsgerichtsvereinbarungen. Diese Schiedsgerichtsvereinbarungen stehen regelmäßig nicht zur Disposition, sondern werden per Satzung mit dem Athleten zwingend vereinbart. Im Klartext: Der Sportler muss zwingend Verbandsmitglied werden. Wird er Verbandsmitglied, dann gelten die entsprechenden Satzungen inklusive der Schiedsgerichtsvereinbarung. Der Sportler verzichtet zwangsweise auf das Recht, die ordentliche Gerichtsbarkeit ohne Umschweife anzurufen. Stattdessen muss er im Fall einer juristischen Uneinigkeit die Sportgerichtsbarkeit zuerst anrufen. Die Sportgerichtsbarkeit ist keine staatliche Institution, sie ist kein staatliches Gericht. Es handelt sich regelmäßig um Sportschiedsgerichte mit eigenen Verfahrensordnungen und Prinzipien. Die Geschichte der Sportgerichtsbarkeit ist noch relativ jung. Entsprechend gibt es viele ungeklärte (verfahrensrechtliche) Fragen. Kommt es zu einem Konflikt zwischen Sportler und Verband, so muss regelmäßig, wie vereinbart, zuerst das zuständige Sportgericht angerufen werden. Erst wenn der Rechtsweg der Sportgerichtsbarkeit erschöpft worden ist, kann der Sportler die ordentlichen, staatlichen Gerichte anrufen. Hier wird oftmals bemängelt, dass bereits die Entscheidung über die Zusammensetzung des entscheidenden Sportgerichts nicht unabhängig erfolge.

Kein Ausschluss stattlicher Gerichte

Eine Versagung des Rechtsschutzes durch ordentliche, staatliche Gerichte liegt in der Schiedsvereinbarung nicht, denn dieser Rechtsweg ist nicht per se ausgeschlossen. Er kann nach Erschöpfung des sportrechtlichen Entscheidungswegs weiter bestritten werden. Faktisch kommt er jedoch oftmals zu spät. Denn ein Kernproblem darf nicht außer Acht gelassen werden: Profisportler verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Sport. Es handelt sich um ihre Arbeit, ihren Beruf, ihr Erwerbsleben. Der Sport ist extrem leistungsbezogen. Der Zeitraum des Haupterwerbs ist naturgemäß ein sehr kurzer. Langwierige juristische Auseinandersetzungen können die Karriere und damit den Beruf des Sportlers erheblich gefährden. Der Sportler hat ein legitimes Interesse an einer zügigen Klärung der in Streit stehenden Umstände. Einer solchen zügigen Klärung kann die Sportgerichtsbarkeit als weiterer Instanzenzug im Einzelfall entgegenstehen.

Auf der anderen Seite kann sich die Sportgerichtsbarkeit aber gerade auch als Beschleuniger darstellen. Regelmäßig verhandeln und entscheiden die Sportschiedsgerichte zügig und zeitnah. Kommt es in diesem Zug zu einer Klärung der in Streit stehenden Angelegenheit, so hat der Athlet eine äußerst rasche Aufklärung erreicht und kann sich wieder voll auf seinen Beruf und den Sport fokussieren. Gerade in diesen Fällen zahlt es sich besonders aus, dass sich fachlich besetze Entscheidungskörper in Form der Sportgerichte mit den in Streit stehenden Fragen auseinandersetzen.

Letztlich bleibt die Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) in dem Fall „Pechstein“ mehrfach spannend. Auch wenn die Entscheidung mit Spannung und teilweise auch mit Furcht erwartet wird, so wird sie am Ende dem Sport helfen. Entweder muss die Sportgerichtsbarkeit ihre juristische Praxis samt verfahrensrechtlicher Fragen an bestehenden rechtsstaatlichen Prinzipien konsequent weiter ausrichten oder staatliche Gerichte müssen sich unter ihren gewachsenen verfahrensrechtlichen Wurzeln materiell-rechtlich und dezidiert mit dem Sport im Einzelfall auseinandersetzen.

In jedem Fall ist zu hoffen, dass künftige Entscheidungen frei von persönlichen Eitelkeiten und zum tatsächlichen Wohl des Sports, d.h. seiner Verbände, Vereine und Athleten, getroffen werden. Auch wenn es wie ein Unentschieden klingt, so wäre es doch zu wünschen, dass die Beteiligten zu berücksichtigen verstehen, was Tucholsky einst formulierte: „Streitende sollten wissen, dass nie einer ganz recht hat und der andere ganz unrecht“.

Quo vadis Sport? Nach vorne! Immer nach vorne!


Rechtstipp aus den Rechtsgebieten Sportrecht, Wirtschaftsrecht

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