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Die renitente Rentnerin und der Altweibersommer

Rechtstipp vom 14.08.2015
(18)
Rechtstipp vom 14.08.2015
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Die renitente Rentnerin und der Altweibersommer
anwalt.de kurios - skurrile Ereignisse zum Thema Recht

Für manche ist er die schönste Jahreszeit überhaupt. Besonders jene, denen extreme Temperaturen generell gegen den Strich gehen, schwören auf ihn. Hoffnungslosen Romantikern treibt er durch das bunte Blattwerk und die stimmungsvoll-dunstigen Morgenstunden, die er mit sich bringt, immer wieder die eine oder andere Träne in die glasigen Augen. Kurz gesagt lassen sich in kaum einem anderen Zeitabschnitt des Kalenderjahres die Schönheit und Vergänglichkeit der Natur gleichermaßen zelebrieren, ohne gleich die schwere Herbst- und Wintermontur vom Speicher befördern zu müssen. Der tatsächliche Name der gesuchten Saison dagegen wirkt heutzutage zugestandenermaßen etwas befremdlich. Genug gerätselt – natürlich geht es um den sogenannten Altweibersommer.

Des „Altweiberrätsels“ Lösung

Wer sich etymologisch betätigen und die Herkunft der skurrilen Bezeichnung für die malerische Grenzgängerjahreszeit zwischen Sommer und Herbst ergründen will, wird dank des Informationszeitalters, in dem wir heute leben, schnell fündig. Der genaue Ursprung des Begriffs gilt als bislang ungeklärt. Allerdings sei er ursprünglich ein Verweis auf die im Frühherbst bei milder Witterung in Wald und Flur prominent vorzufindenden Spinnenfäden gewesen. Der Zusammenhang lässt sich leicht dadurch herstellen, dass im Althochdeutschen der Begriff „weiben“ gebräuchlich war, der „weben“ bedeutete.

Auch Jahreszeiten finden gelegentlich den perfekten Partner

Chronologisch dem Altweibersommer vorangestellt ist üblicherweise eine weitere Jahreszeit, der es bisher noch nicht gelungen ist, den Sprung in den erlauchten Kreis der „Großen Vier“ zu vollziehen. Keine Frage: Hierbei handelt es sich um das sogenannte Sommerloch, auch oft als die so genannte „Saure-Gurken-Zeit“ tituliert. Bekanntermaßen handelt es sich hierbei um die Saison, in der urlaubssaisonbedingt im Nachrichtensektor ein eher maues Klima herrscht. Was beide saisonale Phänomene allerdings wie geschaffen füreinander macht, ist ein wahrer Klassiker unter den kuriosen Urteilen, der besonders wenn es an frischem Nachschub mangelt, immer wieder gerne diskutiert wird.

1988 wurde der „Altweibersommer“ zum kuriosen Klagegrund

Die Richter des Amtsgericht Darmstadt trauten sicherlich ihren Augen nicht, als im Dezember 1988 eine Rentnerin Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland erhob. Als Stein des Anstoßes wurde von ihr die Berichterstattung des Deutschen Wetterdienstes angegeben. Hierbei war die resolute Ruheständlerin jedoch nicht etwa mit der Akkuratesse der Wetterberichte unzufrieden. Stattdessen monierte sie die Verwendung des Ausdrucks „Altweibersommer“ zur Bezeichnung eines milden Frühherbsts in Wettersendungen in Fernsehen und Radio. Denn hierdurch fühlte sie sich diskriminiert und in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt.

Zudem plante die Rentnerin, durch die Verbannung des Begriffs „Altweibersommer“ aus sämtlichen Wetterberichten der sprachlich bedingten Diskriminierung sämtlicher Frauen Abhilfe zu schaffen. Besagte Motivation begründete sie durch den abfälligen Beiklang des Begriffs „Weib“. Nicht zuletzt sei der Term „Altweibersommer“ zudem meteorologisch unzulänglich fundiert. Der ins Kreuzverhör genommene Deutsche Wetterdienst rechtfertigte sich unter anderem damit, dass der Begriff „Altweibersommer“ im deutschen Sprachgebrauch vielmehr durchaus positiv besetzt sei und wies zudem auf seinen tatsächlichen Ursprung hin.

Verletzt der Name der „sechsten Jahreszeit“ tatsächlich Persönlichkeitsrechte?

So mancher wird uns an dieser Stelle beipflichten: Die durchaus gute Absicht, auf der die Ausführungen der Klägerin fußten, liegt auf der Hand. Schließlich dürften sich nicht nur Sprachwissenschaftler über die Problematik der Diskriminierung als Bestandteil der Alltagssprache im Klaren sein. Als Grundlage, um mir nichts dir nichts den Deutschen Wetterdienst zu verklagen, wirkte ein solches Vorhaben allerdings doch leicht – kurios. Wenig überraschend wurde die Klage dementsprechend abgewiesen.

Die stürmische Abfuhr folgte auf dem Fuße

Das LG Darmstadt ließ sich in seiner Begründung allerdings nicht dazu hinreißen, den leicht ungewöhnlichen Fall mit juristischen „Peanuts“ abzutun. Vielmehr schlug der damals 78-Jährigen seitens der Richter eine Breitseite entgegen, die sich gewaschen hatte – ähnlich wie eine ungestüm aufgewirbelte Wolke trockenes Laub an einem stürmischen Herbstmorgen. Bereits zu Beginn der Angabe der Gründe wurde darauf hingewiesen, dass das eigentliche Ziel der Klägerin, das Wort „Altweibersommer“ aus sämtlichen Wetterberichten zu verbannen, durch eine Klage gegen den Deutschen Wetterdienst im Grunde gar nicht zu realisieren sei. Schließlich sei besagte Einrichtung nicht der einzige Entscheidungsträger in diesem Bereich. Postwendend wies man darauf hin, dass die Klage in ihrer Form bereits unzulässig sei. Denn die Klägerin machte bereits keine Verletzungen eigener Rechte geltend, sondern allgemein die Rechte „aller alter Weiber“. Eine solche „Popularklage“ sieht das Grundgesetz nicht vor.

Eine rechtssichere Diskriminierungsklage kann ein diffiziles Unterfangen sein

Darauffolgend wurde detailliert dargelegt, dass der Inhalt der Klage nach Ansicht des LG Darmstadt auch hinsichtlich des „Empfängers“ der angeblichen Diskriminierung alles andere als juristisch sauber ausgearbeitet war. Zuallererst habe ein direkter Angriff auf die eigene Ehre der Klägerin nicht stattgefunden – und gerade dieser sei gemäß § 185 StGB eine wichtige Voraussetzung.

Und der Todesstoß folgte auf dem Fuße: Die in der Klage bestimmt Personengruppe „Alte Frau“ sei nicht beleidigungsfähig. Denn sie sei nicht klar umgrenzt und bestimmt gewesen. Die Klage der renitenten Rentnerin hatte somit ebenso viel Bestand wie auch die am akribischsten geformte Dauerwelle vor dem Unbill des Herbstwindes.

Vom (Herbst-)Winde verweht

Ob die damals 78-jährige Klägerin nach einem derartigen Rückschlag ihre Ambitionen für eine diskriminierungsfreiere deutsche Sprache aufrecht erhielt, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bekannt. Angesichts der Popularität ihres Falls ist allerdings davon auszugehen, dass sie wohl so manchem Juristen im Gedächtnis haften geblieben ist. Zu hoffen ist nur, dass der Dame mit dem anscheinend ausgeprägten Gerechtigkeitssinn die Freude an der anheimelnden Jahreszeit zwischen Spätsommer und Frühherbst postwendend nicht vollständig genommen wurde. Ob sie übrigens wusste, dass auch das englischsprachige Äquivalent des „Altweibersommers“ – „Indian Summer“ genannt – als nicht unumstritten gilt? Doch hierzu mehr ein andermal …

(LG Darmstadt, Urteil v. 02.02.1989, Az.: 3 O 535/88)

(JSC)

Foto : ©iStockphoto.com


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