Zur Navigation springen Zum Inhalt springen Zum Footer springen

EuGH zu den Grenzen des Überwachungszwangs für Hosting-Provider

(21)

Auf ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV hat sich der EuGH mit der Rechts­fra­ge be­fasst, ob dem Be­trei­ber ei­nes In­ter­net­por­tals für ein so­zia­les Netz­werk, in­ner­halb des­sen Per­so­nen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, auf die­se Wei­se (vir­tu­el­le) Freund­schaf­ten schlie­ßen und die Nut­zer auf ih­rem sog. „Pro­fil" u. a. auch mu­si­ka­li­sche und au­dio­vi­su­el­le In­hal­te ein­stel­len kön­nen, zu­mut­bar ist, die von den Nut­zern ein­ge­stell­ten In­hal­te mit­tels tech­ni­scher Vor­keh­run­gen (Fil­tersys­te­me) auf Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen vor­beu­gend zu un­ter­su­chen und re­spektive zu blo­ckie­ren.

Dem lag fol­gen­der Sach­ver­halt zu­grun­de: Die Bel­gi­sche Ve­re­ini­gung van Au­teurs, Com­po­nis­ten en Uit­ge­vers CBBA (frz. SA­BAM), ist ei­ne Verwertung­s­ge­sell­schaft, die Au­to­ren, Kom­po­nis­ten und Ver­le­ger mu­si­ka­li­scher Wer­ke ver­tritt und in die­ser Funk­ti­on u. a. auch für die Ge­neh­mi­gung der Ver­wen­dung ih­rer ge­schütz­ten Wer­ke durch Drit­te zu­stän­dig ist. Von SA­BAM wur­de ge­gen den Be­trei­ber ei­ner in­ter­net­ba­sier­ten Netz­werk-Platt­form (Fir­ma Net­log NV) Kla­ge auf (u. a.) Un­ter­las­sung je­der un­zu­läs­si­gen Zur­ver­fü­gungs­tel­lung mu­si­ka­li­scher oder au­dio­vi­su­el­ler Wer­ke aus dem Re­per­toi­re von SA­BAM auf der Netz­werk-Platt­form er­ho­ben. Der be­klag­te Por­tal­be­trei­ber be­rief sich zu sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung da­rauf, dass der Er­lass der von der Klä­ge­rin be­an­trag­ten Un­ter­las­sungs­a­nord­nung da­zu füh­ren wür­de, dass ihm (dem Be­klag­ten) ei­ne all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht auf­er­legt wür­de, was nach der Eu­ro­päi­schen Richt­li­nie über den elekt­ro­ni­schen Rechts­ver­kehr (Richt­li­nie 2000/31 EG) und der Eu­ro­päi­schen Da­ten­schutz­richt­li­nie für elekt­ro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on (Richt­li­nie 2003/58 EG) ver­bo­ten sei.

Das mit der Rechts­sa­che be­fass­te Brüs­se­ler Ge­richt (Recht­bank van eers­te aan­leg te Brüs­sel) hat da­rauf­hin im We­ge ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen dem EuGH die Fra­ge vor­ge­legt, ob das Un­ions­recht ei­ner An­ord­nung ei­nes na­tio­na­len Ge­richts an ei­nen Hos­ting-An­bie­ter in Ge­stalt des Be­trei­bers ei­nes so­zia­len Netz­werks im In­ter­net ent­ge­gen­steht, ein Sys­tem der Fil­te­rung der von den Nut­zern sei­ner Diens­te auf sei­nen Ser­vern ge­spei­cher­ten In­for­ma­tio­nen, das un­ter­schieds­los auf al­le die­se Nut­zer an­wend­bar ist, prä­ven­tiv und al­lein auf ei­ge­ne Kos­ten so­wie zeit­lich un­be­grenzt ein­zu­rich­ten.  

Der EuGH hat da­zu mit Ur­teil vom 16.02.2012 ent­schie­den: Der Betreiber eines so­zia­len Netzwerks im Internet kann nicht gezwungen werden, ein generelles, alle Nutzer die­ses Netzwerks erfassendes Filtersystem einzurichten, um die unzulässige Nutzung musikalischer und audiovisueller Werke zu ver­hin­dern, un­be­grenzt ein­zu­rich­ten. Sei­ne Ent­schei­dung hat der EuGH im We­sent­li­chen da­mit be­grün­det, dass ei­ne der­art weit­ge­hen­de ge­ne­rel­le Über­wa­chungs­pflicht zu ei­ner qua­li­fi­zier­ten Be­ein­träch­ti­gung der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit des Netz­werk-Platt­form­be­trei­bers füh­ren wür­de, da die­ser ge­hal­ten wä­re, ein kom­pli­zier­tes, kost­spie­li­ges, auf Dau­er an­ge­leg­tes und al­lein auf sei­ne Kos­ten be­trie­be­nes Fil­ter­sys­tem ein­zu­rich­ten. Da­mit wür­de das Er­for­der­nis der Ge­währ­leis­tung ei­nes an­ge­mes­se­nen Gleich­ge­wichts zwi­schen dem Schutz des Rechts am geis­ti­gen Ei­gen­tum und dem Schutz der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit, der Wirt­schafts­teil­neh­mern wie den Hos­ting-An­bie­tern zu­kommt, miss­ach­tet wer­den. Au­ßer­dem, so der EuGH, wür­de ein sol­ches Fil­ter­sys­tem auch Grund­rech­te der Nut­zer der Diens­te des Platt­form­be­trei­bers be­ein­träch­ti­gen, und zwar de­ren Rech­te auf den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten und auf frei­en Emp­fang oder freie Sen­dung von In­for­ma­tio­nen res­pek­ti­ve das Recht auf In­for­ma­ti­ons­frei­heit, da die Ge­fahr be­stün­de, dass das Fil­ter­sys­tem nicht hin­rei­chend zwi­schen un­zu­läs­si­gen und zu­läs­si­gen In­hal­ten un­ter­schei­den kann, sodass sein Ein­satz auch zur Sper­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­on mit zu­läs­si­gen In­hal­ten füh­ren könn­te, Ur­teil des EuGH vom 16.02.2012 C-360/10.  

An­mer­kung von RA C.Gal­ins­ky: Die Ent­schei­dungs­grün­de die­ses EuGH-Ur­teils de­cken sich im Kern mit dem Ur­teil des EuGH vom 24.11.2011 in der Rechts­sa­che C-70/10 Scar­let Ex­ten­ded SA ./. SA­BAM), was al­ler­dings ver­blüfft, da die­se Ent­schei­dung ei­ne Sperr­ver­fü­gung ge­gen ei­nen Access-Pro­vi­der be­traf, wäh­rend in dem hier in Re­de ste­hen­den Rechts­streit SA­BAM ./. Netlog NV ein Host-Pro­vi­der zum Ein­satz von Fil­ter­sys­te­men an­ge­hal­ten wer­den soll­te. Die Ge­schäfts­mo­del­le von Ac­cess- und Host-Pro­vi­dern un­ter­schei­den sich je­doch ganz we­sent­lich: Ein Access-Pro­vi­der un­ter­hält kei­ne Ser­ver, son­dern ver­mit­telt den Zu­gang zu ei­nem Da­ten­netz. Dem­ge­ge­nü­ber spei­chert ein Host-Pro­vi­der frem­de Da­ten auf Web-Ser­vern, die Fes­plat­ten ent­hal­ten und hat so­nach (an­ders als ein­ Ac­cess-Pro­vi­der) kon­trol­lierten und überwach­ba­ren Zu­griff auf frem­den Da­te­nin­halt („con­tent"). Ob mit dem Ur­teil vom 16.02.2012 Ge­schäfts­mo­del­len von Hos­t-Pro­vi­dern für nut­zer­ge­ne­rier­te In­hal­te (user ge­ne­ra­ted con­tent) ein „Mehr" an Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung ver­schafft wird, ist frag­lich: 

1. Der EuGH ver­tritt zwar im Er­geb­nis ei­ne „pro­vi­der­freund­li­che" Rechts­auf­fas­sung, in­dem er im Rah­men der Ab­wä­gung zwi­schen den In­te­res­sen der In­ha­ber von Rech­ten geis­ti­gen Ei­gen­tums und de­n un­ter­neh­me­ri­schen In­te­res­sen von Host-Pro­vi­dern (ana­log zu sei­ner Ent­schei­dung vom 24.11.2011) an­führt, dass nach Art. 8 Abs. 3 der Richt­li­nie zur Har­mo­ni­sie­rung be­stimm­ter As­pek­te des Ur­he­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der In­for­ma­tions­ge­sell­schaft (sog. „In­fo­Soc"-Richt­li­nie 2001/29 EG) und ge­mäß Art. 11 Satz 3 der Richt­li­nie zur Durch­set­zung der Rech­te geis­ti­gen Ei­gen­tums (sog. „Durch­set­zungs-"Richt­li­nie 2004/48 EG) In­ha­bern von Rech­ten geis­ti­gen Ei­gen­tums grund­sätz­lich das Recht zu­steht, ei­ne ge­richt­li­che Un­ter­las­sungs- res­pek­ti­ve Sperran­ord­nung ge­gen Be­trei­ber von Platt­for­men für so­zia­le Netz­wer­ke im In­ter­net zu be­an­tra­gen, wenn de­ren Diens­te von den Nut­zern sol­cher Platt­for­men zur Ver­let­zung von Rech­ten des geis­ti­gen Ei­gen­tums ge­nutzt wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig führt er je­doch ex­pli­zit aus, dass die Mo­da­li­tä­ten sol­cher An­ord­nun­gen zwar Ge­gen­stand des na­tio­na­len Rechts sind, aber die­se na­tio­na­len Re­gelungen die sich aus dem Unionsrecht ergebenden Be­schrän­kun­gen wie u. a. die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr (sog. „E-Com­mer­ce Richt­li­nie") be­ach­ten müs­sen, wonach nationale Stellen keine Maßnahmen erlassen dürfen, die einen Anbieter von In­ter­net­zu­gangsdiensten verpflichten würden, die von ihm in seinem Netz übermittelten Informationen allgemein zu über­wa­chen.  

2. Bei ge­naue­rer Durch­sicht des Ur­teils wird je­doch deut­lich, dass der EuGH kei­nes­wegs al­le Fil­ter­sys­te­me als un­zu­läs­sig und de­ren In­stal­lie­rung für Por­tal­be­trei­ber als un­zu­mut­bar ein­stuft, son­dern nur sol­che Sys­te­me, die alle Dienste erfassen, unterschiedslos auf alle Kunden angewendet werden, präventiv eingesetzt werden, auf Kosten der Provider eingerichtet werden müssen und zeitlich unbegrenzt laufen. 

Es geht hier al­so um Fil­ter-und Sperr­sys­te­me der be­son­de­ren („ext­re­men") Art, die der EuGH als eu­ro­pa­rechts­wi­drig ein­stuft, wes­halb mit sei­nem Ur­teil vom 16.02.2012 kei­ne Auf­wei­chung oder gar Ab­kehr von sei­ne­r Recht­spre­chung zu den Gren­zen des Host-Pro­vi­der Haf­tungs­pri­vi­legs (nach Art. 14 der E-Com­mer­ce-Richt­li­nie) zu ver­zeich­nen steht, die er in sei­nen Ur­tei­len vom 19.07.2011 in der Rechts­sa­che C-324/09 L 'Oréal ./. eBay und vom 23.03.2010 in den ver­bun­de­nen Rechtssa­chen C-236/08 bis C-238/08 Goo­gle Fran­ce SARL, Goo­gle Inc. ./. Louis Vuit­ton Mal­le­tier SA u. a. auf­ge­zeigt hat.

Rechtsanwalt Christoph Galinsky


Rechtstipp vom 02.05.2012
aus dem Rechtsgebiet IT-Recht

Sie haben Fragen? Gleich Kontakt aufnehmen!

Rechtstipps zum Thema

Rechtstipps des Autors

Alle Rechtstipps von Kanzlei Buchwald Rechtsanwälte

Damit Sie wissen, wann Sie im Recht sind

Neue Urteile, hilfreiche Tipps und Kurioses im wöchentlichen anwalt.de-Newsletter.

Damit Sie wissen, wann Sie im Recht sind

Informationen über aktuelle Gesetzesänderungen, neue Urteile, hilfreiche Tipps und Kurioses im wöchentlichen anwalt.de-Newsletter

Ihre E-Mail-Adresse wird nur für den anwalt.de-Newsletter verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können den anwalt.de-Newsletter jederzeit wieder abbestellen.