Zur Navigation springen Zum Inhalt springen Zum Footer springen

Fehlbehandlung bleibt falsch, auch wenn der Patient diese ausdrücklich wünscht

(4)

Der Fall: 

Eine Patientin begibt sich zum beklagten Zahnarzt, um ihre Kronen im Seitenzahnbereich erneuern zu lassen, die von einem anderen Zahnarzt eingesetzt worden sind. Der beklagte Zahnarzt stellt ein funktionsgestörtes Kiefergelenk fest, welches zunächst behandelt werden sollte. Nach Aussage des Arztes, verlangte die klagende Patientin aber den sofortigen Beginn der Zahnsanierung im Frontbereich. Der Zahnarzt leistete diesem Wunsch der Patientin Folge und nahm die Frontzahnsanierung vor, ohne das Kiefergelenk mittels einer Schiene therapiert zu haben. Dadurch verschlechterte sich nicht nur der Zustand der Kiefergelenke weiter, sondern auch die Bisshöhe des Kiefers wurde fehlerhaft festgelegt. Die Patientin verlangt mit der Klage Schmerzensgeld, Schadensersatz und das an den Zahnarzt geleistete Honorar zurück. 

Die Entscheidung

Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. Diese Entscheidung wurde auch vom OLG (Az.: 26 U 116/14, vom 24.06.2016) bestätigt.

Der medizinische Sachverständige führte in der Verhandlung vor dem OLG aus, das die Klägerin an einer Erkrankung der Kiefergelenke litt, welche zunächst mit einer anerkannten Therapieform (Schienentherapie) hätte behandelt werden müssen. Erst im Anschluss an die durchgeführte Therapie der Kiefergelenke hätte der Zahnarzt mit der Sanierung der Frontzähne beginnen dürfen. Durch den zu zeitigen Beginn der Frontzahnbehandlung hat sich der Zustand der Kiefergelenke weiter verschlechtert. Diese Verschlechterung wurde auch in den folgenden Behandlungen nicht behoben. Des Weiteren erfolgte durch den frühen Behandlungsbeginn an den Frontzähnen eine falsche Bisshöhenfestlegung. Darin wurde ein Behandlungsfehler ausgemacht.

Auch der Einwand des Arztes, die Patientin wollte die vorgezogene Frontzahntherapie, konnte den Zahnarzt nicht vor der Verurteilung schützen. Denn wenn eine gewünschte Behandlung gegen den medizinischen Standard verstößt, muss der behandelnde Arzt diese ablehnen. Auch eine eingehende Beratung über die möglichen Behandlungsfolgen legitimiere kein behandlungsfehlerhaftes Vorgehen.

Kommentar: 

Die Entscheidung besagt eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wer zum Arzt geht, dem sollte es nach der Behandlung besser gehen als vorher. Verlangt ein Patient eine Behandlung, die gegen medizinischen Standard verstößt, muss ein Arzt diese ablehnen. Insbesondere, da der behandelnde Arzt die nötige Kenntnis hat, um den Patienten über die Folgen der Behandlung aufzuklären. Die ärztliche Aufklärungspflicht ist bislang ein „Stiefkind“ und selten Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen. Die meisten Patienten fühlen sich aber nicht gut beraten bzw. aufgeklärt. Im vorliegenden Fall konnte der beklagte Arzt aber auch nicht die ausführliche Beratung und Aufklärung der Patientin beweisen. Aber selbst bei einer ausführlichen Beratung wäre ihm nicht geholfen gewesen. 

Es ist gerade ein (erheblicher) Teil des Behandlungsvertrages, über den medizinischen Standard aufzuklären und nicht zielführende Behandlungsmethoden abzulehnen.


Rechtstipp vom 30.06.2016
aus dem Rechtsgebiet Medizinrecht

Sie haben Fragen? Gleich Kontakt aufnehmen!

Rechtstipps zum Thema

Rechtstipps des Autors

Alle Rechtstipps von Rechtsanwalt Ben Geißler (Rechtsanwaltskanzlei Geißler)

Ihre Spezialisten

Damit Sie wissen, wann Sie im Recht sind

Neue Urteile, hilfreiche Tipps und Kurioses im wöchentlichen anwalt.de-Newsletter.