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Fluggastrechte bei Verspätung von A-Z

Rechtstipp vom 18.06.2018
Aktualisiert am 19.06.2018
Rechtstipp vom 18.06.2018
Aktualisiert am 19.06.2018

Endlich Urlaub. Sie stehen mit Ihrer Familie am Check-in-Schalter, es geht nach Kreta. Sie haben in mühevoller Arbeit viele Flüge verglichen, um den passenden für Sie und Ihre Familie zu finden. Das hat Zeit gekostet, sich aber auch gelohnt. Die Kinder sind voller Vorfreude und auch Sie können die Erholung gut gebrauchen. Nach dem Check-in haben Sie noch zwei Stunden Zeit, bis Sie auf einmal auf der großen Anzeigetafel im Flughafen erblicken, dass Ihr Flug ganze vier Stunden Verspätung hat. Na toll, so sollte der Urlaub doch nicht anfangen.

Lassen Sie sich nicht entmutigen, viele Fluggesellschaften nutzen ihre wirtschaftliche Position aus und probieren den entschädigungsberechtigten Fluggast mit Kleinigkeiten wie Vouchers oder mit viel zu geringen Beträgen abzuspeisen.

Wir zeigen Ihnen auf, welche Rechte Ihnen in einem solchen Fall zustehen, wieviel Geld Sie als Fluggastentschädigung verlangen können und wie Sie Ihr gutes Recht am besten durchsetzen.

Wann habe ich einen Anspruch?

Bei einer Flugverspätung steht Ihnen ein Entschädigungsanspruch gemäß Art. 7 der Fluggastrechteverordnung zu, wenn je nach Distanz eine Mindestverspätung eingetreten ist. Dabei gilt:

  • Bei einer Flugdistanz bis zu 1.500 km muss die Flugverspätung mindestens 3 Stunden betragen.
  • Bei einer Flugdistanz zwischen 1.500 km bis 3.500 km muss die Flugverspätung mindestens 3 Stunden betragen.
  • Bei einer Flugdistanz über 3.500 km muss die Flugverspätung mindestens 4 Stunden betragen.

Gegen wen richtet sich mein Anspruch?

Der Anspruch richtet sich gegen den Luftfahrunternehmer, das ist meistens die Fluggesellschaft, mit der Sie geflogen sind. Gelegentlich kommt es vor, dass der vertragliche Luftfahrunternehmer nicht der ausführende Luftfahrunternehmer ist, dann müssen Sie sich an den vertraglichen halten.

Kann mein Anspruch ausgeschlossen werden?

Das Luftfahrunternehmen muss die Fluggastentschädigung nicht zahlen, sollte die Verspätung auf außergewöhnlichen Umständen i. S. d Art. 5 III der Fluggastrechtverordnung beruhen. Dies ist selten der Fall und ein pauschaler Hinweis der Fluggesellschaft auf außergewöhnliche Umstände reicht nicht aus. Denn die Fluggesellschaft trägt die Beweislast und muss konkret nachweisen, welcher Umstand vorlag und wie sich dieser auf den konkreten Flug ausgewirkt hat.

Es folgt eine Übersicht von Gründen, die die Luftunternehmen als außergewöhnliche Umstände angeben, wobei hier zu sagen ist, dass die Gerichte trotz Vortrag der Fluggesellschaft außergewöhnliche Umstände oftmals abgelehnt haben. Dazu im Einzelnen:

Technische Defekte

Grundsätzlich gelten technische Defekte nicht als außergewöhnliche Umstände, solange sie im Verantwortungsbereich der Fluggesellschaft liegen. Ausnahmen davon sind z. B., wenn das Flugzeug durch Dritte sabotiert wurde (EuGH, Urt. v. 22.12.2008, Az.: C-549/07) oder wenn bestimmte technische Einrichtungen des gesamten Flughafens versagen und dadurch der gesamte Flugverkehr zum Erliegen kommt (BGH Urteil vom 21.08.2012, Az.: X ZR 138/11).

Streik

Ob ein Streik eine Entschädigungszahlung gemäß Art. 7 der Fluggastrechteverordnung ausschließt, hängt vom Einzelfall ab.

Ein lang angekündigter Pilotenstreik gilt z. B. nicht als außergewöhnlicher Umstand, da die Airline genügend Zeit hatte, sich um anderweitigen Ersatz zu bemühen (AG Frankfurt a. M., Urt. v. 25.01.2013, Az.: 32 C 2371/12 (72)). Etwas anderes gilt folgerichtig dann, wenn der Streik für die Fluggesellschaft unvorhersehbar war, dies gilt als außergewöhnlicher Umstand und die Fluggastentschädigung entfällt (vgl. BGH, Urt. v. 21.08.2012, Az.: X ZR 138/11).

Ein Streik am Flughafen stellt im Gegensatz dazu fast immer einen außergewöhnlichen Umstand für die Fluggesellschaft dar, da sie keinen Einfluss auf den Streik selbst hat (AG Rüsselsheim, Urt. v. 27.11.2013, Az.: 3 C 305/13 (31)).

Wetter

Verzögerungen wegen schlechten Wetters sind nicht immer als außergewöhnlicher Umstand i. S. d § 5 III der Fluggastrechtverordnung zu werten, auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Dabei reicht der pauschale Einwand der Fluggesellschaft nicht, dass schlechtes Wetter zur Verzögerung geführt habe. Die Fluggesellschaft muss nachweisen, wie dieses Wetter den Flug beeinflusst hat und warum es dadurch kausal zu einer Verzögerung gekommen ist, denn sie trägt hierfür die Beweislast. Außergewöhnliche Umstände, die eine Fluggastentschädigung ausschließen, müssen sich in einem außergewöhnlichen Wetter niederschlagen, anerkannt sind hier z. B. ein Sandsturm, starker Schneefall (AG Erding, Urt. v. 01.12.2011, Az.: 5 C 941/11), ein Vulkanausbruch (AG Rüsselsheim, Urt. v. 11.01.2011, Az.: 3 C 1698/10) oder eine Vereisung der gesamten Landebahn. Ortsübliches schlechtes Wetter reicht hingegen nicht aus.

Medizinscher Notfall

Sollte Ihr Flug wegen eines medizinischen Unfalls verspätet sein, so liegt nach Auffassung des AG Berlin-Wedding (Urt. v. 28.10.2010, Az.: 2 C 115/10) ein außergewöhnlicher Umstand vor. Denn ein medizinischer Notfall ist von den Fluggesellschaften nicht vorhersehbar und kann somit nicht zu deren Lasten fallen.

Krankheit von Crewmitgliedern

Die Krankheit von Crewmitgliedern rechtfertigt keinen außergewöhnlichen Umstand i. S. d Art. 5 III der Fluggastrechtverordnung, denn die Fluggesellschaft hat dafür Sorge zu tragen, dass genügend Ersatzpersonal vorhanden ist und dadurch der Flug pünktlich abheben kann (vgl. LG Darmstadt, Urt. v. 23.05.2012, Az.: 7 S 250/11).

Verhalten von Fluggästen

Auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Sollte ein Fluggast sich derart aggressiv verhalten, dass eine Zwischenlandung zur Sicherheit notwendig ist, gilt dies als außergewöhnlicher Umstand und eine Entschädigungspflicht für die Fluggesellschaft besteht nicht (AG Frankfurt a. M., Urt. v. 08.06.2016, Az.: 31 C 397/16-17).

Nachtflugverbote

Grundsätzlich rechtfertigen Nachtflugverbote keine besonderen Umstände, denn diese sind den Fluggesellschaften von Anfang an bekannt (AG Frankfurt a. M. 02.08.2012, Az.: 29 C 1297/12-46). Ausnahme davon ist, wenn Ihr Flug durch außergewöhnliche Umstände verspätet ist und dadurch Ihr Anschlussflug in das Nachtflugverbot fällt, dies gilt in der Regel als außergewöhnlicher Umstand und eine Entschädigung entfällt.

Maßnahmen zur Flugsicherung

Sollte Ihr Flug aufgrund eines überfüllten Luftraumes nicht landen dürfen (vgl. BGH, Urt. v. 13.11.2013, Az.: X ZR 115/12) oder verzögert sich Ihr Start wegen eines Unfalls auf der Rollbahn, ist dies grundsätzlich als außergewöhnlicher Umstand zu werten und der Anspruch auf eine Fluggastentschädigung gemäß Art. 7 der Fluggastverordnung entfällt.

Wie hoch ist mein Anspruch?

Bei einer Flugverspätung steht Ihnen ein Entschädigungsanspruch gemäß Art. 7 der Fluggastrechteverordnung zu, wobei sich die Höhe je nach Flugdistanz und einer Mindestverspätung errechnet:

  • Bei einer Flugdistanz bis 1.500 km und einer Flugverspätung von mindestens 3 Stunden stehen Ihnen 250 € zu.
  • Bei einer Flugdistanz zwischen 1.500 km bis 3.500 km und einer Flugverspätung von mindestens 3 Stunden stehen Ihnen 400 € zu.
  • Bei einer Flugdistanz über 3.500 km und einer Flugverspätung von mindestens 4 Stunden stehen Ihnen 600 € zu.

Dieser Anspruch gilt unabhängig davon, wer die Reise gebucht hat, also für jeden Fluggast einzeln. Auch Kindern und Babys unter 2 Jahren steht ein eigener Anspruch zu (AG Düsseldorf, Urteil vom 30.06.2011, Az.: 40 C 1745/11).

Beispiel: Wenn Familie Brechter, bestehend aus den Eltern Anne-Marie und Markus Brechter, mit Ihren 3 Kindern Lukas (11 J.), Marie (8 J.) und Mark (1 J.), vom Flughafen Köln/Bonn nach Kreta fliegt und sich der Flug um 3 ½ Stunden wegen eines technischen Defekts verzögert, haben die Brechters einen Anspruch auf 2.000 €. Denn es liegt eine Flugdistanz von 2.260 km und eine Verspätung von über 3 Stunden vor, sodass jedem einzelnen Fluggast eine Entschädigung von 400 € zusteht.

Wie setze ich mein Recht durch?

a)
Zunächst können Sie probieren, Ihr gutes Recht selbst in die Hand zu nehmen. Dafür müssen Sie die Fluggesellschaft zur Zahlung der Flugentschädigung auffordern und dabei eine Frist setzen. Eine Mustervorlage finden Sie auf unserer Website. Diese müssen Sie für jeden Fluggast einzeln wie folgt ausfüllen:

  1. Tragen Sie Ihren Namen und Ihre Adresse ein.
  2. Geben Sie Ihre Flugnummer an.
  3. Nennen Sie Ihren Abflug- und Ankunftsflughafen. Dabei sind Zwischenlandungen unerheblich.
  4. Führen Sie die Verspätungszeit konkret an. Falls Ihnen der Umstand bekannt ist, warum der Flug verspätet war, nennen Sie diesen. Falls nicht, geben Sie an, dass Ihnen der Umstand für die Verspätung unbekannt ist.
  5. Setzen Sie eine Frist von 14 Tagen ab Versanddatum.
  6. Geben Sie Ihre Kontodaten an.
  7. Versenden Sie die Zahlungsaufforderung am besten per Mail, Fax oder per Einschreiben.

Meistens jedoch probieren die Fluggesellschaften billiger wegzukommen und bieten Ihnen Vouchers, Gutscheine oder verminderte Beträge an, damit Sie Ihren Anspruch nicht geltend machen. Unser Tipp an Sie: Lassen Sie sich nicht mit weniger als Ihnen zusteht abspeisen. Wenn die Fluggesellschaft Ihnen eine Zahlung anbietet, ist dies meist ein Hinweis, dass Ihr Anspruch im vollen Umfang besteht; geben Sie sich nicht mit weniger zufrieden.

b)
Eine andere Option ist es, Firmen zu beauftragen, die sich auf die Fluggastentschädigung spezialisiert haben. Der Haken dabei ist: Bei einschlägigen Portalen zahlen Sie eine Provision. Diese kann je nach Anbieter zwischen 20-35 % des gesamten Betrages plus 19 % Mehrwertsteuer betragen. Da bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, denn auch das Portal möchte an Ihnen verdienen, und dies nicht zu knapp. Im oben genannten Beispiel würden Ihnen von den 2.000 € noch circa 1.300 € übrigbleiben, obwohl Sie einen Anspruch auf den kompletten Betrag haben!

c)
Die sicherste und kostengünstigste Alternative ist unseres Erachtens nach, zuerst die Fluggesellschaft mit einer Mahnung zur Zahlung aufzufordern. Wenn die Frist abgelaufen ist, ohne dass die Fluggesellschaft Ihre Entschädigung gezahlt hat, können Sie einen Rechtsanwalt zur Geltendmachung des Anspruches beauftragen. Ihnen entstehen bei Bestehen des Anspruchs keine Kosten und Sie erhalten den vollen Entschädigungsbetrag ohne Abzüge. Denn wenn Sie die Fluggesellschaft durch die Zahlungsaufforderung in Verzug gesetzt haben, trägt die Fluggesellschaft die Kosten für den Rechtsanwalt, solange Ihnen der Anspruch zusteht. Diesen Anspruch können Sie bundesweit jederzeit von uns prüfen lassen, wir versichern Ihnen absolute Zuverlässigkeit und eine kompetente Beratung, schreiben Sie uns einfach an oder nehmen Sie telefonisch Kontakt mit uns auf.


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Reiserecht

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