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Mord ohne Leiche – Fall Rebecca Reusch: Verurteilung von Schwager Florian R. möglich?

Rechtstipp vom 14.03.2019
Rechtstipp vom 14.03.2019

Derzeit geht der Fall der 15-jährigen Schülerin Rebecca Reusch durch die Medien. Das Mädchen aus Berlin wird seit dem 18.02.2019 vermisst. Aktuell wird Rebeccas Schwager Florian R. verdächtigt, sie getötet zu haben und befindet sich in Untersuchungshaft. Dies, obwohl Rebeccas Leiche bisher nicht gefunden wurde und insbesondere ihre Familie davon ausgeht, dass sie noch lebt. Die Vollstreckung der Untersuchungshaft an ihrem Schwager stößt auf Unverständnis und führt zu der Frage, ob die Verhängung von Untersuchungshaft oder gar eine strafrechtliche Verurteilung wegen eines Tötungsdelikts überhaupt möglich ist, solange Rebeccas Leiche nicht gefunden wurde. 

Tatsächlich ist es möglich, jemanden auch ohne das Auffinden einer Leiche wegen Totschlags oder – bei Hinzutreten eines oder mehrerer Mordmerkmale – wegen Mordes zu verurteilen. Andernfalls würde jeder Täter, der sein Opfer etwa in Säure auflöst, ungeschoren davonkommen. Allerdings müssen neben Indizien für die Täterschaft auch gewichtige Indizien dafür vorliegen, dass die vermisste Person tot ist. 

Indizien für Täterschaft und Tod des Opfers erforderlich

Das wäre ganz plakativ gesprochen etwa der Fall, wenn ein Zeuge die Tötung und das anschließende Auflösen des Opfers in Säure beobachtet hätte und dies vor Gericht bekunden würde. 

Auch, wenn entsprechende, auf das Kerngeschehen der Tat bezogene Beweismittel fehlen, ist eine Verurteilung wegen eines Tötungsdelikts möglich. Die Überführung des Angeklagten kann nämlich auch dadurch erfolgen, dass alle konkret infrage kommenden Alternativen ausgeschlossen wurden.  

Urteil des Landgerichts Köln

So hat das Landgericht Köln einen Mann wegen Mordes verurteilt, dessen Ehefrau plötzlich spurlos verschwand. Vorausgegangen waren Streitigkeiten und schließlich eine Trennung. Die von den Philippinen stammende Ehefrau zog mit dem gemeinsamen Kind in eine eigene Wohnung, aus der sie ohne jeglichen Hinweis auf ihren Verbleib plötzlich verschwand. Der Bundesgerichtshof hat diese Verurteilung in letzter Instanz bestätigt. 

Die zur Verurteilung des Ehemanns führenden Indizien waren die Folgenden:

  • Er hatte ein Tatmotiv. Er wollte das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind und hatte wenig Interesse daran, Unterhalt an seine Ehefrau zu zahlen. 
  • Er hat in zeitlicher Nähe zum Verschwinden seiner Ehefrau Vollmachten ausgestellt, mit denen es möglich war, das Kind zu versorgen und auch dessen Wohnsitz umzumelden.
  • Er hat das Schloss an der Wohnung der Ehefrau ausgewechselt und einen Schlüssel an sich genommen, um Zutritt zu ihrer Wohnung zu haben.
  • Er war die letzte Person, die nachweislich Kontakt mit ihr hatte.
  • Er nahm den gemeinsamen Sohn am Tag ihres Verschwindens zu sich, obwohl dies nicht der übliche Wochentag für die Ausübung seines Umgangsrechts war. 
  • Er rief am Morgen nach ihrem Verschwinden auf ihrem Telefon an, verließ vor Arbeitsbeginn seine Wohnung und kehrte kurz darauf in diese zurück. 
  • Er machte mehrfach widersprüchliche Angaben zum Aufenthalt seiner Ehefrau und verstrickte sich während seiner Vernehmungen immer wieder in Widersprüche. 
  • Er suchte mehrmals die polizeilich versiegelte Wohnung seiner Ehefrau auf und drang in diese ein.
  • Er meldete das gemeinsame Kind bereits wenige Tage nach ihrem Verschwinden um, als noch völlig unklar war, ob sie tatsächlich verschollen ist oder bald zurückkommt.

Aus Sicht eines Strafverteidigers ist es erschreckend, dass jemand aufgrund einer so dünnen Indiziendecke zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt werden kann. Das Beispiel aus Köln zeigt jedoch, dass dies möglich ist. 

Fall Rebecca Reusch – Tatverdacht gegen ihren Schwager Florian R. 

Im Fall Rebecca Reusch sollen nach Medienberichten insbesondere folgende Indizien auf die Täterschaft ihres Schwagers Florian R. hindeuten:

  • Er soll, nachdem er angetrunken von einer Feier gekommen ist, der letzte gewesen sein, der sich zum Zeitpunkt ihres Verschwindens im Haus aufhielt.
  • Er soll Nachrichten mit seinem Handy verschickt haben zu einer Zeit, in der er angeblich schlief.
  • Es sei ungewöhnlich, dass Rebecca mit ihrer Tageskleidung, ihren Schulsachen und einer Wolldecke das Haus verlassen habe, aber Wechselwäsche und Kosmetikutensilien zurückgelassen habe. 
  • Im himbeerfarbenen Twingo der Familie seien im Kofferraum sowohl Faserspuren der Fleecedecke als auch Haare von Rebecca gefunden worden. 
  • Der Twingo sei sowohl am Vormittag ihres Verschwindens als auch tags darauf am späten Abend auf der Autobahn A 12 Richtung Storkow von dem automatischen Kennzeichenerfassungssystem KESY erfasst worden. Nur Florian R. habe zu diesen Zeiten Zugriff auf den Pkw gehabt. 
  • Im Rahmen seiner Befragungen habe er sich in Widersprüche verstrickt.

Für mich als Strafverteidigerin ist es unverständlich, dass Florian R. allein aufgrund dieser Indizien in Untersuchungshaft genommen werden konnte.

Wenn gegen Sie oder einen Angehörigen wegen eines Tötungsdelikts, etwa wegen Mordes oder Totschlags, ermittelt wird, ist es immens wichtig, sich sofort an einen Fachanwalt für Strafrecht zu wenden, der auf die Verteidigung in Tötungsdelikten spezialisiert ist. Ich verteidige vornehmlich in Tötungsdelikten und stehe Ihnen kompetent zur Seite.


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Strafrecht

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