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Online-Scheidung versus Scheidung vor Ort – Vorteile und Nachteile

Rechtstipp vom 30.06.2016
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Rechtstipp vom 30.06.2016
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Eine Scheidung ist immer ein Krisenthema. Einige Ex-Paare schaffen es, dass sie das Scheidungsverfahren ohne zu viel Streit hinter sich bringen. Andere schaffen keine einvernehmliche Scheidung, sondern verzetteln sich in juristischen Spitzfindigkeiten, die manchmal direkt in einen langjährigen Rosenkrieg münden. Das kann aber nicht die Intention eines Scheidungsverfahrens sein.

Als vor einigen Jahren die ersten Kanzleien die Scheidung online auf ihren Webseiten zur Verfügung stellten, wurden diese Kanzleien argwöhnisch beäugt. Anwaltskammern, Presse und TV sprachen sich unisono gegen die neue Form der Scheidung aus. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Neues wird erst einmal im Rechtswesen als potentiell gefährlich eingestuft. 

Heute sieht die Online-Scheidungswelt anders aus: es gibt unzählige Kanzleien oder unabhängige Anbieter, die die Online-Scheidung direkt anbieten. Die Familienrechtsjuristen sind sich nicht einig, ob eine Online-Scheidung Vorteile hat, oder nicht. Hier sollen die Hauptargumente, die für eine Online-Scheidung und gegen eine Online-Scheidung sprechen herausgearbeitet werden. Sie, als potentieller Kunde, können dann vielleicht besser für sich entscheiden, ob diese neue Form der Scheidung auch etwas für Sie wäre.

1. Geht ein komplettes Scheidungsverahren überhaupt über das Internet?

Auch wenn viele Rechtsanwälte das Gegenteil behaupten. Eine Online-Scheidung hat es tatsächlich schon in Deutschland gegeben. Und zwar im Herbst 2014 in einem Gerichtssaal in Erfurt. Richter von Schmettow hat beide Scheidungswilligen per Video-Konferenz in den Gerichtssaal zugeschaltet, wo er und ein Anwalt zugegen waren. Der Scheidungsbeschluss war rechtsgültig. Gleichwohl musste der Richter ein paar Monate später sein „mea culpa“ in der Öffentlichkeit kundtun; die Gerichte seien technisch noch nicht so weit, dass reine Online-Scheidungen nunmehr auch in naher Zukunft zum Standardverfahren bei Scheidungen würden. Somit gilt auch weiterhin, dass grundsätzlich beide Ex-Partner persönlich zum schlussendlichen Scheidungstermin anwesend sein müssen. Es gibt natürlich auch hier Ausnahmen der Regel, beispielsweise, wenn ein Ex-Partner im Ausland lebt, und es für die 10-15 minütige Verhandlung unzumutbar wäre, die lange Reise aus dem Ausland auf sich zu nehmen.

Fazit:

Ja, es gibt die reine Online-Scheidung bereits in Deutschland. Durchgeführt wurde sie bis heute nur ein einziges Mal.

2. Nachteile einer Online-Scheidung

Es gibt viele Menschen, die Ihren Rechtsanwalt einfach auch einmal persönlich sehen und treffen möchten. Sie bevorzugen das Gespräch unter vier Augen mit einer Tasse Kaffee oder Tee.

Das 4-Augen-Gespräch dient zur Vertrauensbildung und auch dazu, sich eine Meinung über seinen Anwalt zu machen. Wenn eine einvernehmliche Scheidung zu einer streitigen Scheidung werden sollte, kann der persönliche Kontakt hilfreich sein.

Falls noch streitige Anträge hinsichtlich des Umgangsrechts oder des Unterhaltsrechts gestellt werden sollen, kann es für den Einzelnen schon von Vorteil sein, wenn der direkte Kontakt zu seinem Rechtsbeistand bereits etabliert worden ist.

Wenn der Anwalt bei einer Online-Scheidung nur schwer erreichbar ist, haben Sie kaum Chancen auf eine gute Vertretung. Dann hilft Ihnen nur noch ein Anwaltswechsel.

Es ist teilweise schon schwer genug, einen Familienanwalt seines Vertrauens zu finden. Das gilt umso mehr für einen Online-Anwalt. Können Sie Ihm vertrauen? Ist er kompetent? Wie sollen Sie das im Vorfeld überprüfen können?

Bei schwierigen Fällen, in denen viele Scheidungsfolgen geregelt werden müssen, kann es von Vorteil sein, wenn Sie ab und zu Ihren Anwalt direkt in die Augen blicken können. Das geht nur bei einem Anwalt vor Ort.

Fazit:

Die Nachteile einer Online-Scheidung liegen vor allem darin begründet, dass Sie nicht im Vorfeld wissen, ob Ihr Rechtsanwalt mit Ihnen gut und offen kommunizieren wird. Bei schwierigen Fällen wird der Mandant noch immer das persönliche Gespräch bevorzugen.

3. Vorteile einer Online-Scheidung

Wie bereits oben erwähnt, gibt es die reine Scheidung online schon, wird aber äußerst selten praktiziert. Wenn Sie nicht mehr streiten, oder noch nie im Scheidungsverfahren gestritten haben, dann kann die Online-Scheidung Sinn machen.

Falls Sie beide alle sogenannten Scheidungsfolgen geregelt haben, entweder durch eine notarielle Vereinbarung (Scheidungsfolgenvereinbarung) oder auch privatrechtlich untereinander, dann können Sie sich eigentlich den Weg in eine Kanzlei sparen.

Häufig wird erwähnt, dass sehr viel bei einer Online-Scheidung gespart werden kann. Sie benötigen keinen zweiten Rechtsanwalt, wenn Sie bereits alles im Vorfeld geregelt haben. Sie können auch alles bequem von zu Hause oder sonst wo erledigen, ohne in einer Anwaltskanzlei erscheinen zu müssen.

Die Korrespondenz geht heutzutage natürlich anders als noch vor 20 Jahren. Fax, E-Mail, Chat oder sogar Videokonferenzen sind an der Tagesordnung. Gerade wenn einer von Ihnen sich im Ausland oder in einem anderen Teil der Bundesrepublik befindet, kann die Online-Abwicklung der Scheidung vorteilhaft sein.

Mit der sogenannten Web-Akte können Sie auch Unterlagen und Dokumente hochladen und somit mit der Anwaltskanzlei bequem 24 Stunden am Tag korrespondieren. Sie können sich – ohne anrufen zu müssen – immer auf dem neuesten Stand Ihres Verfahrens halten.

Mittlerweile gibt es auch Bewertungen für Anwälte, die einen ganz guten Hinweis geben, ob Sie diesen Anwalt in die engere Wahl für die Beauftragung Ihrer Scheidung nehmen, oder nicht. Noch besser ist es natürlich, wenn Sie einen Anwalt kennen, der vielleicht schon bei Ihrer besten Freundin/Freund die Scheidung einvernehmlich, professionell und preiswert durchgeführt hat.

Fazit:

Die Vorteile einer Online-Scheidung liegen vor allem in der Schnelligkeit der Korrespondenz und der Abwicklung der Scheidung 24 Std am Tag, 7 Tage die Woche. Wem es ausreicht, seinen Anwalt nur am Telefon zu haben oder per Videokonferenz mit ihm zu sprechen, der kann heutzutage ein normales Scheidungsverfahren ohne Probleme online durchführen. Nur sollte man aufpassen, dass die ausgewählte Kanzlei auch sehr gut kommuniziert und der Vertrauensvorschuss von Ihnen auch gerechtfertigt ist.

Sind Online-Scheidungen ein Zukunftsmodell? Das wissen wir nicht. Wir können uns jedoch gut vorstellen, dass das ganze Rechtssystem sich immer weiterentwickelt und dann später einmal auch Scheidungen teilweise komplett online durchgeführt werden können. Bei harten Rosenkriegen mit zwei gegnerischen Anwälten wird diese Form der Scheidung aber an seine Grenzen stoßen.


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Familienrecht

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