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Picam, Piccor, Piccox – Neues von dem Skandal um eine „Schweizer Geldanlage“, Schadensersatz

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Mit hohen Renditen wurde die Geldanlage bei der in der Schweiz ansässigen Piccor AG beworben, die durch den Berliner Picam Unternehmensverbund vertrieben wurde. Anlegern wurde diese Geldanlage von Anlageberatern bzw. -vermittlern geradezu als eine Art „Geheimtipp“ angeboten: Eine seriöse Geldanlage in der Schweiz, die vorgeblich seit vielen Jahren funktioniere und zuverlässig überdurchschnittliche Renditen erwirtschafte. Das Modell sah vor, dass Anleger ihre Gelder im Rahmen einer Art Vermögensverwaltung für Finanztermingeschäfte bei der in der Schweiz ansässigen Piccor AG anlegen würden.

Nach eigenen Angaben wurden so wohl mehr als EUR 300.000.000 bei Anlegern eingeworben. Organisiert wurde der Vertrieb durch den „Picam Unternehmensverbund“ in Berlin um die Herren Thomas Entzeroth und Pascal Savelsberg. Eine überschaubare Schar von etwa 60 Anlageberatern / -vermittlern warb dafür, ab einer Mindestanlagesumme von EUR 50.000 in diese vorgeblich seriöse „Schweizer Geldanlage“ zu investieren.

Betroffen sind nach unseren Informationen offenbar aber keineswegs nur vermögende Anleger. Die Anleger konnten zwischen zwei Modellen wählen: Einer ungesicherten und einer angeblich „gesicherten“ Variante.

Abgewickelt wurden die Einzahlungen der Anleger über das Treuhandkonto des Berliner Wirtschaftsprüfers Manfred Eschenbach, dessen Name auch an weiteren Stellen des Anlagekonstrukts, auftaucht.

Bereits Mitte des Jahres 2016 titelte ein Beitrag in der Zeitung Die Welt „So seriös ist das 20-Prozent-Rendite-Versprechen“ und wies auf Ungereimtheiten hin, mahnte Interessenten bei der Kapitalanlage zur Vorsicht.

Dass dies nur allzu berechtigt war, zeigte sich auch nicht viel später. Aufgegangen ist das Finanzkonstrukt nämlich nicht – jedenfalls nicht für die Anleger. Weitere Nachforschungen lassen zweifeln, ob die Anlegergelder überhaupt jemals im Sinne der Anleger im Rahmen einer Kapitalanlage Verwendung fanden beziehungsweise finden sollten oder, ob diese nicht von Beginn an dazu bestimmt waren, andere Wege zu nehmen.

Neben den geschädigten Anlegern bleiben die für Picam tätigen Anlageberater und -vermittler zurück, die sich nun unangenehmen Fragen ihrer Kunden gegenübersehen, auf die sie wohl schwerlich plausible Antworten finden können. Nicht wenige vermittelten die Anlage nicht nur im eigenen Freundes- und Familienkreis, sondern haben nach unseren Informationen wohl zuweilen selbst investiert. In Berichterstattungen wird bereits offen über ein „Schneeballsystem“ gesprochen.

Nachdem die Piccor AG bereits Anfang 2017 auf die Warnliste der schweizerischen Finanzaufsicht FINMA gesetzt wurde, ließ der Berliner Vertrieb Picam in Person des Herrn Entzeroth über die für ihn im Vertrieb tätigen Finanzberater beziehungsweise -vermittler an die Anleger verbreiten, dass die Piccor AG ihre Leistungen „aufgrund externer Umstände“ eingestellt habe. Er sandte die für ihn tätigen Berater sogleich aus, um für die Überführung der Anlegergelder von der vorgeblich erfolgreichen Piccor-Anlage in ein von Picam eilig neu konstruiertes „bankenreguliertes“ Finanzprodukt unter dem sinnigen Namen „Piccox“ zu werben. 

Im Gegensatz zu der Bewerbung als transparentes Finanzprodukt, welches schnelle Verfügbarkeit verspreche, geht es hier tatsächlich aber um eine an der Börse nicht handelbare Inhaberschuldverschreibung nach Luxemburger Recht. Emittentin dieses Wertpapieres ist die Piccox Securisation SA (ISIN DE000A19CXZ0).

Im Zuge dieser Umstrukturierung tauchen dann die Namen der Gesellschaften „Varian Defensive capital“, „Varian DC Service GmbH“, „Moventum SCA“ auf. In der zweiten Jahreshälfte 2017 mussten viele Anleger realisieren, dass es zu erheblichen Unregelmäßigkeiten kam und insbesondere Anlegergelder oftmals nicht ausgezahlt wurden. Auch viele Anleger, die sich haben überzeugen lassen, nun in Piccox zu investieren, blieben im Ungewissen.

Außer der umständlichen Eröffnung eines Depotkontos bei der Moventum tat sich nichts. Thomas Entzeroth ließ angeblich über die Picam als Kundeninformation lediglich verbreiten, es bestehe kein Risiko und absolute Sicherheit für das Kapital der Anleger. Seit Jahresbeginn 2018 steht nun auch fest, dass die Emittentin, die Piccox Securisation SA, das öffentliche Angebot für die Wertpapiere beendet hat.

Was den Anlegern wohl ohnehin von Beginn an nicht bewusst gewesen sein dürfte, ist, dass die Piccor AG selbst die Anlegergelder gar nicht investierte, sondern diese vorgeblich lediglich an einen externen „Vermögensverwalter“ weitergereicht haben will. Man fungiere als „reine Abrechnungsstelle und ist auf die Handlungen, insbesondere die Auskehr von Guthaben durch den Vermögensverwalter angewiesen“ antwortete der Geschäftsführer der Piccor AG, Herr Peter Züllig, auf Auszahlungsforderungen unserer Mandanten.

Vermögensverwalter soll die Varian AG in Liechtenstein gewesen sein. Umso erstaunlicher ist, dass es ausgerechnet die Picam in Person des Herrn Thomas Entzeroth war, die im Dezember 2017 über die in ihrem Vertriebsnetz tätigen Finanzberater an die Anleger verbreiten ließ, dass die Anlegergelder – auf Ebene des Vermögensverwalters – nun offenbar verschwunden seien und nun selbst Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Berlin erstattet worden sei.

Die Anleger forderte er auf, sich mittels eines Formulars seiner „Verdachtsanzeige“ anzuschließen. Die verdächtigen Hintermänner mochte er geflissentlich nicht nennen und auch sein Rechtsanwalt, ein Strafverteidiger aus Waren/Müritz, will auf Nachfrage natürlich nicht mitteilen, gegen wen sich die von seinem Mandanten erstattete „Verdachtsanzeige“ denn richtet und welcher Sachverhalt überhaupt zugrunde liegen soll.

Bei genauerem Hinsehen wundert dies nicht, denn Thomas Entzeroth ist selbst einer der Geschäftsführer der Varian AG. Präsident des Verwaltungsrates der Varian AG ist der schon genannte Herr Manfred Eschenbach, auf dessen Treuhandkonto die Anleger ihr Anlagekapital einzahlten.

Die Verlautbarungen seitens Picam wie auch Entzeroths initiierte „Verdachtsanzeige“ lassen eher eine Nebelkerze vermuten. Dass Picam, also in Person der Herren Savelsberg und Entzeroth, im Internet als Reaktion auf die sich häufende ihnen unliebsame kritische Berichterstattungen die Anleger dann auch noch eindringlich davor warnen, selbst einen Rechtsanwalt zu konsultieren, entbehrt in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Komik, ist aber vielleicht der letzte Akt dieser Posse.

Rechtsanwälte Schwarz | Mertsch haben ebenfalls bereits im Namen ihrer Mandanten Strafanzeigen erstattet. Unabhängig davon, ob es der Staatsanwaltschaft gelingen wird, die Vorgänge strafrechtlich umfassend aufzuarbeiten: Für die Betroffenen gilt es nun vorrangig, zivilrechtliche Schadensersatzansprüche gegen verschiedene Beteilige zu prüfen und gegebenenfalls rasch durchzusetzen.

Christian Mertsch, Rechtsanwalt


Rechtstipp vom 13.01.2018
aus dem Rechtsgebiet Bankrecht & Kapitalmarktrecht

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