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Schadenregulierung nach Verkehrsunfall: Kostenfalle Mietwagen

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Wer als Geschädigter in einen Verkehrsunfall verwickelt wird, sollte sich unverzüglich und noch vor der Abgabe von Erklärungen gegenüber Polizei, Unfallgegner und Versicherungen mit einem Rechtsanwalt beraten, welche Maßnahmen zu treffen und welche Tücken im Rahmen der Schadensregulierung zu beachten sind. Denn die Beauftragung eines Rechtsanwalts ist für Geschädigte in der Regel finanziell vorteilhaft. Auch nicht rechtsschutzversicherte Geschädigte können die ihnen entstehenden Anwaltskosten dem Unfallverursacher regelmäßig als eigenen Schaden in Rechnung stellen. Denn es ist dem Laien nicht zumutbar, sich auf eigene Faust mit der komplexen Materie der Unfallschadenregulierung auseinanderzusetzen.

Zu den zahlreichen Schadenspositionen, die immer wieder für Streit sorgen, gehören die Kosten eines Mietwagens. Der Geschädigte eines Verkehrsunfalls darf nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes grundsätzlich Ersatz der für die Anmietung eines gleichwertigen Ersatzfahrzeuges entstehenden Kosten beanspruchen. Allerdings hat er das in § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB verankerte sogenannte Wirtschaftlichkeitsgebot zu beachten. Danach hat der Geschädigte im Rahmen des ihm Zumutbaren stets den wirtschaftlichsten Weg der Schadensbehebung zu wählen. Hiernach kann er lediglich Ersatz derjenigen Kosten verlangen, die ein verständiger, wirtschaftlich denkender Mensch in der Lage des Geschädigten für erforderlich halten durfte.

Regelmäßig verweigert die gegnerische KfZ-Haftpflichtversicherung die vollständige Übernahme von Mietwagenkosten mit dem Argument, es sei ohne weiteres möglich gewesen, vor Ort einen günstigeren Wagen anzumieten. Was ortsüblich ist, beurteilen die Beteiligten in der Regel anhand der sogenannten Schwacke- und Fraunhofer-Listen. Das gilt auch für die Gerichte, die im Streitfall entscheiden müssen, inwieweit die Mietwagenkosten zu ersetzen sind. Das für den hiesigen Gerichtsbezirk zuständige Oberlandesgericht Hamm schloss sich im März allerdings der im Vordringen liegenden Mittelwert-Methode „Fracke“ an (OLG Hamm, Urteil vom 18. März 2016, Az. 9 U 142/15). Hierbei wird das arithmetische Mittel von Schwacke und Fraunhofer gebildet. Für Rechtsstreitigkeiten um die Erstattung von Mietwagenkosten verleiht dies künftig einen Orientierungsrahmen für die Erfolgsaussichten entsprechender Klagen gegen KfZ-Haftpflichtversicherer.

Der Laie aber hat unmittelbar nach einem Verkehrsunfall andere Sorgen, als sich (kostenpflichtig) derartige Listen zu verschaffen.

In der Praxis sollte sich der Unfallgeschädigte daher an allgemeinverständliche Grundregeln der Mietwagenbeschaffung halten: Ruhe bewahren, keine Spontanentschlüsse treffen. Er sollte grundsätzlich nicht auf das erstbeste Angebot eingehen. Es empfiehlt sich, einen möglichst günstigen Mietwagen zu beanspruchen. Es ist ratsam, entsprechende Vergleichsangebote einzuholen und sodann das günstigste Fahrzeug anzumieten. Auch eine Abstimmung mit der Kfz-Haftpflichtversicherung des Schädigers kann sinnvoll sein. Es sollte ein Fahrzeug gemietet werden, das eine Fahrzeugklasse unter dem verunfallten Kfz liegt (z.B. verunfallt: Opel Astra, daher Mietwagen: Opel Corsa). Wer sich ein gleichwertiges Fahrzeug mietet, der muss sich einen Abzug wegen ersparter Aufwendungen aufgrund „Schonung“ seines eigenen PKW gefallen lassen. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass der Geschädigte bei Sonderausstattung oder sonstigen besonderen Merkmalen des verunfallten Fahrzeuges laut Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes regelmäßig keinen Mietwagenkosten-Zuschlag verlangen kann. Wenn der Geschädigte Kosten für die Anmietung eines Ersatzfahrzeuges tätigt, die die erforderlichen Kosten der vorgenannten Schätzungsgrundlagen überschreiten, können diese allein in besonderen Fällen – etwa einer Eil- und Notsituation – gerechtfertigt und somit ersatzfähig sein. Hierbei kommt es jedoch maßgeblich auf die Umstände des Einzelfalls an.

Der Mietwagen ist bei Weitem nicht die einzige Kostenfalle, die infolge eines Verkehrsunfalls lauert: Streit um den Restwert bei wirtschaftlichem oder technischem Totalschaden, um Reparaturkosten, ja sogar um Restbenzin sowie die komplexe Regulierung von Erwerbs- und Haushaltsführungsschäden infolge von Verletzungen sowie letztlich die Geltendmachung von Schmerzensgeld – hier haben Laien ohne anwaltliche Hilfe keine Chance gegen das Regulierungsverhalten vieler Versicherungen.


Rechtstipp vom 24.05.2016

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            Rechtsanwalt Heiko Urbanzyk (Rechtsanwaltskanzlei Heiko Urbanzyk) Rechtsanwalt Heiko Urbanzyk

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