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Strukturierung von Offshore-Gesellschaften: Steuerliche Haftungsgefahren in Deutschland

Rechtstipp vom 03.08.2015
Rechtstipp vom 03.08.2015

Deutsche Auslandsinvestitionen lassen sich durch die Nutzung von Offshore-Gesellschaften steuereffizient gestalten und hierdurch internationale Wettbewerbsvorteile erzielen, die für die deutsche Wirtschaft auch im Inland nachhaltig vorteilhaft und notwendig sind. Entsprechendes gilt für grenzüberschreitende Vermögensverschiebungen im geschäftlichen oder privaten Bereich. Die Strukturierung mit Offshore-Gesellschaften bedarf aber eines besonderen steuerlichen Know-hows, das nicht überall verfügbar ist. Wer hierbei fast alles richtig macht, macht im Ergebnis alles falsch.

Offshore klingt für den Laien nach einem verschwiegenen Steuerparadies, aber auch dort gibt es zunehmend öffentlich zugängliche Gesellschaftsregister. Beispielsweise sind der Gesellschafterkreis und die Geschäftsführer einer in Singapur, Hongkong oder Panama registrierten Gesellschaft auch für die deutsche Finanzverwaltung schrankenlos und grenzüberschreitend einseh- und nachweisbar. Sie könnte jederzeit eine weltweite Liste erstellen, welche Offshoregesellschaft nur über in Deutschland ansässige Geschäftsführer und/oder Gesellschafter verfügt - auch rückwirkend über viele Jahre. Dies begründet eine deutschsteuerliche Gefahrenlage, die sich über fünf Glieder einer steuerlichen Haftungskette herleiten lässt:

  • Die deutsche Steuerpflicht der Offshore-Gesellschaft in Deutschland.
  • Drohende deutsche Schätzungsbescheide aufgrund verschärfter Dokumentationsanforderungen für Auslandssachverhalte.
  • Haftung des Offshoregesellschafters wegen einer Vermischung von Privat- und Offshorevermögen.
  • Haftung der Offshoregeschäftsführung wegen mangelhafter deutscher Buchführung.
  • Die deutschsteuerliche Durchgriffshaftung bei Strohmanngestaltungen.

1. Gemäß § 1 Abs. 1 S. 1 KStG sind an einem Offshorestandort gegründete und registrierte Gesellschaften in Deutschland unbeschränkt körperschaftsteuerpflichtig, wenn sie die Geschäftsleitung im deutschen Inland haben, selbst wenn der Gesellschaftssitz im Ausland registriert wurde. Diese Regelung ist nicht selten unbekannt, obwohl dies der Gesetzgeber im allerersten Satz des Körperschaftsteuergesetzes niedergelegt hat und man daher nicht von einer versteckten Klausel sprechen kann.

Wenn der oder die einzigen Geschäftsführer in Deutschland ansässig sind, so überrascht es nicht, wenn die Finanzverwaltung hieraus in der Praxis den tatsächlichen Sitz in Deutschland herleitet und hieraus die unbegrenzte deutsche Steuerpflicht der Offshoregesellschaft schlussfolgert. Mit Offshoreländern bestehen typischerweise auch keine Doppelbesteuerungsabkommen, die etwas anderes regeln könnten. Die Rechtsauffassung der Finanzverwaltung kann im Einzelfall oft mit guten Argumenten angegriffen werden, ein erhebliches Steuerrisiko bleibt jedoch bestehen.

2. Die demnach in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtige Gesellschaft betreibt typischerweise Auslandsgeschäfte, für welche die besonderen deutschen steuerlichen Dokumentations- und Nachweisanforderungen im Regelfall nicht eingehalten wurden und werden. Die Einhaltung der Offshoreanforderungen genügt deutschen Regularien regelmäßig nicht. Dies gibt der Finanzverwaltung einen sehr weiten Spielraum, um großzügigste Schätzungen über im In- und Ausland angeblich erwirtschaftete Gewinne aufzustellen, die anschließend durch Schätzungssteuerbescheide gegenüber der Offshoregesellschaft geltend gemacht werden. Die Verteidigung gegen überhöhte Schätzungsbescheide ist erfahrungsgemäß schwierig und zeitintensiv, wenn auch nicht hoffnungslos.

3. Grundsätzlich haften die Gesellschafter für derartige, häufig absurd hohe Steuerforderungen nicht unbegrenzt mit ihrem Privatvermögen. Die Offshorekapitalgesellschaft begrenzt die Haftung der Gesellschafter regelmäßig auf die Leistung der geringen Kapitaleinlage. Dies ist gesetzlich meistens genauso geregelt, wie man es bei der deutschen GmbH kennt.

Offshoregesellschaften haben aber häufig keine, eine lückenhafte oder eine undurchsichtige Buchführung - da die regulatorischen Anforderungen am Offshore-Standort gering sind. Diese Fallgruppen sind es jedoch, bei denen bei der deutschen GmbH von einer unzulässigen Vermischung von Betriebs- und Privatvermögen durch den Gesellschafter ausgegangen wird. Dies führt bei der deutschen GmbH dazu, dass die Gesellschafter in eine unerwartete Haftung für sämtliche Schulden des Unternehmens eintreten - unbeschränkt und mit dem gesamten Privatvermögen.

Der Gedanke liegt nicht fern, dass die Steuerhaftung des Offshoregesellschafters von einem deutschen Finanzgericht nicht gesellschafter- und offshorefreundlicher beurteilt wird, als dies im Rahmen einer deutschen GmbH bereits die jahrelange Gerichtspraxis ist. Die Finanzverwaltung zeigt sich bei diesem Punkt siegessicher. Hierauf muss sich die Gestaltungspraxis einstellen.

4. Dem Geschäftsführer wird es, wenn er lediglich die geringen Offshoreanforderungen erfüllt hat, haftungsmäßig selten besser ergehen. Die fehlende oder (aus deutschsteuerlicher Sicht) fehlerhafte Buchführung wird man regelmäßig als haftungsbegründende Pflichtverletzung ansehen können. Hierbei wird er sich nicht darauf berufen können, er habe die rechtlichen Konsequenzen einschließlich der unbeschränkten deutschen Körperschaftsteuerpflicht nicht überblicken können - dies ist nun einmal der Kernbereich des Aufgaben- und Pflichtenbereichs eines Geschäftsführers. Wenn die unbeschränkte deutsche Körperschaftsteuerpflicht der ausländischen Kapitalgesellschaft gegeben ist, wird es nicht einfach, bezüglich des Umfangs der Geschäftsführerhaftung ein Offshoreprivileg argumentativ einzufordern.

5. An diesem Ergebnis ändert sich regelmäßig auch nichts, wenn ein Strohmann als Treuhänder (Nominee) zwischengeschaltet wird. Der Strohmann bietet einen trügerischen Sichtschutz, jedoch keine strukturelle Absicherung steuerlicher Zielsetzungen. Während die Entdeckungsgefahr verringert ist, kann die Finanzverwaltung im Entdeckungsfall von einer gesteigerten kriminellen Energie ausgehen, die im Einzelfall auch zu steuerstrafrechtlichen Konsequenzen führt. Das Erpressungspotential des Strohmanns wird in der Praxis übrigens häufig grob unterschützt.

6. Im Ergebnis führt die nachlässige Strukturierung einer Offshoregesellschaft somit zu einer erheblichen Haftungsgefahr für den in Deutschland ansässigen Geschäftsführer und erst recht für den hiesigen Gesellschafter. Offshoresteuervorteile, die über viele Wirtschaftsjahre erzielt wurden, können im Nachhinein mit Zins und Strafzuschlägen in Deutschland zur Nachversteuerung anstehen, wenn die Gestaltung nur fast richtig entworfen und umgesetzt wurde. Verunfallte Offshorestrukturen beruhen häufig auf der Strategie, dass der Haussteuerberater in die Offshoreangelegenheit nicht hineingezogen werden sollte und daher, statt externen deutschsteuerlichen Rat einzuholen, auf die angebliche Kompetenz des Offshoredienstleisters vertraut wurde, dessen Aussagen aber rein marketingorientiert waren.

Wenn die oben beschriebenen steuerlichen Aufgriffsvoraussetzungen bereits vorliegen, wäre es fahrlässig, darauf zu vertrauen, dass die Finanzverwaltung auf Dauer untätig bleibt. Es bedarf stattdessen einer Gefährdungsprüfung, der Nutzung von Reparaturmöglichkeiten, eines Frühwarnsystems für verbleibende Steuerrisiken und gegebenenfalls eines konkreten Einsatzplans für den Fall, dass es hart auf hart kommt.


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