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Von Kuhglocken und Blaskapellen in der Karibik

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Von Kuhglocken und Blaskapellen in der Karibik
anwalt.de kurios - skurrile Ereignisse zum Thema Recht

Wer kennt es nicht, das Volkslied „Eine Seefahrt, die ist lustig"? Dabei könnte aber der Verdacht aufkommen, dass der Urheber gewisse Folgen einer Seefahrt außer Acht gelassen hat, allen voran die Seekrankheit. So mancher Schiffspassagier, der Opfer der heimtückischen Reisekrankheit geworden ist, könnte ein vollkommen entgegengesetztes Lied singen, das eher von Kopfschmerz oder Unwohlsein handelt. Ein ganz anderer Fall, der aber auch zu Kopfschmerz und Unwohlsein bei den Passagieren führte, landete vor dem Landgericht (LG) Frankfurt a. M.

Schweizer Volksmusik auf Karibik-Kreuzfahrt

Eine deutsche Reisegruppe fand sich mit über 500 Mitgliedern eines schweizerischen Folklorevereins im selben Boot, oder besser gesagt, im selben Kreuzfahrtschiff, wieder, das für zwei Wochen durch die Karibik schippern sollte. Entgegen den Aussagen im Reiseprospekt, der den Urlaubern unter anderem ländertypische Tänze, Kostümfeste und heiße Misswahlen versprach, segelte die Reisegruppe mitten hinein in die schweizerische Folkloreunterhaltung, bestehend aus Jodeln, Blaskapellen, Trachtentänzen und Chörli-Singen, gekrönt durch Borddurchsagen auf „Schwyzer Deutsch".

Ein Entkommen war nicht möglich, sogar am Swimmingpool oder auf dem Sonnendeck und vor der malerischen Kulisse - weißer Strand, Palmen und türkisfarbenes Meer - wurde vom ursprünglichen Kurs abgewichen und die Schweizer Heimatmusik abgespielt. Nun ging die deutsche Reisegruppe auf Kollisionskurs, erreichte aber nur, dass ihr eine kleine, dunkle und unbelüftete Lounge als Ausweichmöglichkeit zur Verfügung gestellt wurde. Da die Stimmung nun sprichwörtlich auf den Grund des Karibischen Meers gesunken war, wollten die Mitglieder der deutschen Reisegruppe bei ihrem Reiseveranstalter den Reisepreis um 50 Prozent mindern. Schließlich sei die Gesamtatmosphäre an Bord „mit dem Begriff Schweizer Käse" zu umschreiben. Der Reiseveranstalter dagegen war sich keiner Schuld bewusst. Die Urlauber hätten sich doch einfach auf das kristallklare Wasser und die Palmen konzentrieren können.

Gericht macht Klarschiff!

Das LG nahm dem Reiseveranstalter den Wind aus den Segeln und bejahte ein Recht der enttäuschten Urlauber auf Reisepreisminderung von 40 Prozent. Ein Schiffspassagier kann erwarten, dass sich das Unterhaltungsprogramm an die Art der Kreuzfahrt hält. Um also auf Kurs zu bleiben, hätte auf einer Karibik-Kreuzfahrt auch mit südamerikanischer Unterhaltung aufgewartet werden müssen. Stattdessen mussten die Reisenden trotz der malerischen karibischen Szenerie fast ausschließlich ein Programm ertragen, das eher in die „Gebirgswelt der Alpen" gepasst hätte. Da sie das Schiff nicht verlassen konnten, nachdem sie erst einmal in See gestochen waren, saßen sie fest und mussten sich mit Jodlern anstatt exotischer Tänzerinnen zufrieden geben.

Aufgrund dieses gravierenden Reisemangels durfte der Reisepreis um 25 Prozent gemindert werden. Die übrigen 15 Prozent ergeben sich daraus, dass die Schiffsleitung versucht hat, das vorliegende Problem zu umschiffen, indem die Folkloremuffel in einen abgegrenzten Raum verfrachtet wurden. Darin war nämlich erst recht eine Ausgrenzung der deutschen Urlauber zu sehen.

(LG Frankfurt a. M., Urteil v. 19.04.1993, Az.: 2/24 S 341/92)

(VOI)

Foto : ©iStockphoto.com


Rechtstipp vom 04.09.2013
aus der Themenwelt Reisemängel und Schadensersatz und dem Rechtsgebiet Reiserecht