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Vorsicht, Mythos: „Meine Kinder erben nichts: Ich habe sie enterbt“

Rechtstipp vom 20.02.2019
Rechtstipp vom 20.02.2019

Streitigkeiten gibt es in jeder Familie. Wenn diese jedoch eskalieren, können unüberbrückbare Differenzen dazu führen, dass Sie als Eltern Ihre Kinder enterben möchten. Dann muss das Testament oder der Erbvertrag entsprechend gestaltet werden.

In der Praxis können Sie Ihre Kinder auch durch das Aufsetzen eines gemeinschaftlichen Testaments enterben. Sie bestimmen damit, dass zunächst Ihr länger lebender Ehegatte zum Alleinerben wird.

Als Erblasser müssen Sie nicht begründen, warum Sie Ihre Kinder von der gesetzlichen Erbfolge ausschließen. Sie können Ihre Erben wie auch Ihre komplette Nachfolgegestaltung frei bestimmen. Diese Testierfreiheit ist durch Art. 14 GG geschützt. Das heißt jedoch im Regelfall nicht, dass Ihre enterbten Kinder gar nichts bekommen.

Kinder haben einen Pflichtteilsanspruch

Nahe Angehörige, also Ehe- oder Lebenspartner bei einer eingetragenen Lebensgemeinschaft, aber auch Kinder, besitzen einen Pflichtteilsanspruch auf einen Teil des Vermögens. So sehen es die gesetzlichen Regelungen in Deutschland vor. Ausschlaggebend dafür ist der Gedanke, dass Sie als Erblasser auch nach Ihrem Tod Fürsorgepflichten für Ihre nächsten Angehörigen haben. 

Das Nachlassgericht spricht den Mindestanteil des Nachlasses jedoch nicht automatisch zu. Die enterbten Kinder müssen selbst aktiv werden und ihre Rechte auf den Pflichtteil gegenüber den Erben geltend machen.

Höhe des Pflichtteils

Als Faustregel gilt, dass derjenige, der von der Erbfolge ausgeschlossen ist, einen Anspruch auf die Hälfte seines gesetzlichen Erbteils hat. Bei einer Familie mit zwei Kindern und gesetzlichem Güterstand der Zugewinngemeinschaft heißt das konkret: Gemäß der gesetzlichen Erbfolge steht der Ehefrau nach dem Tod ihres Gatten die Hälfte des Nachlasses zu. Die beiden hinterbliebenen Kinder erhalten jeweils ein Viertel. Der Pflichtteil dieser Kinder ist jeweils ein Achtel des Erbes.

Die Höhe des jeweiligen Pflichtteils richtet sich nach dem Wert des Nachlasses. Ausschlaggebend für dessen Berechnung ist der Verkehrswert. Dieser ist davon abhängig, welchen Preis die Erben bei einem Verkauf erzielen könnten. Bei Grundstücken oder Unternehmen gestaltet sich diese Wertermittlung manchmal kompliziert. Vom Verkehrswert muss man zudem stets die Nachlassverbindlichkeiten und Beerdigungskosten abziehen.

Was ist ein Pflichtteilsergänzungsanspruch?

Haben Sie als Erblasser Ihr Vermögen vor Ihrem Tod ganz oder teilweise verschenkt, besitzen Ihre Kinder womöglich einen Pflichtteilsergänzungsanspruch (§§ 2325 bis 2329 BGB). Das bedeutet, sie bekämen mehr Geld. Denn Ihre Kinder könnten fordern, so gestellt zu werden, wie sie ohne die Schenkungen gestanden hätten. Dieser Pflichtteilsergänzungsanspruch ist an die Voraussetzung geknüpft, dass zum Zeitpunkt des Erbfalls die Schenkungen nicht über zehn Jahre zurückliegen.

Wie lange können Ihre Kinder den Pflichtteil einfordern?

Ihre Kinder müssen ihren Anspruch auf den Pflichtteil nach Ihrem Tod gegenüber den Erben geltend machen. Der Pflichtteilsanspruch verjährt jedoch laut § 199 Abs. 1 BGB nach drei Jahren. Die Verjährungsfrist beginnt am Ende des Jahres, in dem Ihre Kinder vom Eintritt des Erbfalls und ihrer Enterbung Kenntnis erlangt haben. Die Anmeldung der Pflichtteilforderung kann z. B. durch Beantragung eines Mahnbescheids oder Klageerhebung erfolgen.

Kann ich als Erblasser meinen Kindern den Pflichtteil entziehen?

Grundsätzlich ist dies durchaus möglich. Allerdings sieht der Gesetzgeber dafür sehr hohe Hürden zum Schutz des Pflichtteilsberechtigten vor. Es reicht dafür nicht aus, dass Ihre Kinder den Kontakt zu Ihnen komplett abgebrochen haben und sich gar nicht um Sie kümmern. Möchten Sie Ihre Kinder vollständig enterben, müssen Sie dies im Testament eindeutig anordnen und außerdem Ihre Beweggründe detailliert anführen.

Ein Entzug des Pflichtteils ist laut § 2333 BGB beispielsweise aus folgenden Gründen möglich:

  • Ihre Kinder trachten Ihnen oder einem ähnlich nahestehenden Menschen nach dem Leben.
  • Ihre Kinder haben sich eines Verbrechens oder eines schweren Vergehens gegen Sie oder einen nahestehenden Menschen schuldig gemacht. Das kann z. B. eine Körperverletzung sein. 
  • Ihre Kinder sind wegen einer Straftat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung verurteilt worden oder befinden sich deswegen in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt.

Verzeihen Sie Ihren Kindern, dürfen Sie ihnen den Pflichtteil laut § 2337 BGB nicht mehr vorenthalten. Ein Testament, das noch eine solche Festlegung enthält, ist dann ungültig.


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Erbrecht

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