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Warum Fragen wichtiger sind als Fakten und warum gute Verteidiger nicht immer im FOCUS stehen

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Viele Menschen suchen Rat beim Anwalt um die Ecke. Doch meist können sie seine Leistungsfähigkeit nicht beurteilen. Der FOCUS will hier Fakten schaffen. Er veröffentlicht heute ein Sonderheft „Spezial im Recht”. Auf dem Titelbild springen dem Leser Paragrafenzeichen entgegen, die aussehen wie Folterwerkzeuge (Stanislaw Jerzy Lec). Sucht man nun einen Spezialisten im Strafrecht, landet man auf den Seiten 91 bis 94 des Heftes und kann sich dort einen „Top-Anwalt” aussuchen. Und in der Tat sind dort viele sehr gute VerteidigerInnen aufgeführt. Viele fragen sich jetzt, ob sie ihrem Anwalt noch vertrauen können, wenn sie ihn nicht auf der Liste finden. Was tun, wenn er nicht das FOCUS-Siegel trägt? Kann man so einem überhaupt noch vertrauen? Und was muss ein guter Verteidiger überhaupt so drauf haben?

Folgendes sollten Sie über Strafverteidigung wissen:

1.

Aus Sicht der Verteidigung geht es nicht um Schuld, sondern allein um die Frage: Reichen die Beweise aus, um jemanden zu verurteilen? Das ist etwas völlig anderes.

Nicht der Beschuldigte muss seine Unschuld beweisen, sondern der Staat muss seine Schuld in einem förmlichen Verfahren nachweisen. Verteidigen ist nicht Wahrheitsfindung. Im Zentrum der Verteidigung steht immer der Mandant, dem die Justiz einen strafrechtlichen Vorwurf macht. Und der muss jederzeit wissen, wo er im Verfahren steht. Welche Chancen und Risiken es gibt. Was Entscheidungen im Verfahren für Konsequenzen haben.

Ihm dies alles beizubringen, ist Aufgabe seines Verteidigers. Verteidiger ist ein Niederlagenberuf. Denn am Ende eines Prozesses entscheidet der Richter. Man ist ihm ausgeliefert. Der Verteidiger darf sich von Niederlagen nicht entmutigen lassen, sondern muss unnachgiebig weiterkämpfen.

2.

Der beste Rat eines Verteidigers an einen neuen Mandanten lautet daher: „Halten Sie den Mund”.

Wenn Ihr Anwalt das durchsetzt, hat er nicht nur die Hälfte seines Honorars schon verdient. Warum das so ist?

„Die Polizei will alles, alles wissen und ganz besonders Geheimnisse“ schrieb Lessing schon vor fast dreihundert Jahren. Und man könnte hinzufügen: Die Polizei liebt Überraschungen. Wer plötzlich festgenommen wird, hangelt sich natürlich an jeden Strohhalm. Selbst dann, wenn ihm diesen der Kommissar überreicht. Er glaubt dem vermeintlichen Good Cop, sich bei einem sofortigen Geständnis persönlich für eine milde Strafe einsetzen will.

Alles Quatsch. Und reine Kriminaltaktik. Ein guter Verteidiger bleibt hart. Er rät seinem Mandanten niemals ohne Kenntnis der Aktenlage zu einem Geständnis. Denn die Polizei hat im Dunkeln ermittelt. Erst wenn ans Licht kommt, was die Polizei weiß oder glaubt zu wissen, kann er den Mandanten beraten und dessen Lage einschätzen. Zu den schärfsten Waffen des Verteidigers gehört das Recht auf Akteneinsicht.

3.

Verteidigen ist harte Arbeit, bei der dem Verteidiger der Wind kräftig ins Gesicht bläst. Ein guter Verteidiger darf daher keine Selbstzweifel haben. Das Schlimmste ist, wenn ein Verteidiger vor dem Staatsanwalt oder Richter sein Selbstbewusstsein verliert.

4.

Auch fachlich muss der gute Verteidiger einiges drauf haben.

Er kennt nicht nur in der Strafprozessordnung, sondern auch in Kriminaltechnik, Aussagepsychologie, forensische Psychiatrie aus. Er muss wissen, wie man Einzelfragen aus diesen Fachgebieten zugunsten des Mandanten nutzbar machen kann.

Wissen nutzbar machen bedeutet im Strafprozess: Zweifel säen. Fragen, Fragen, Fragen. Zeugen und Sachverständige befragen und stets die Anklage hinterfragen. Ein guter Verteidiger muss in der Lage sein, Antworten und neue Beweise blitzschnell in den Gesamtzusammenhang eingeordnet werden. Die Verteidigungsstrategie muss oft angepasst werden. Sie darf aber nie angepasst sein.

5.

Ein guter Verteidiger muss die Kunst des Fragens beherrschen.

Er muss herausfinden, ob das, was der Zeuge gesehen oder gehört haben will, der Wirklichkeit entspricht oder nur ein Fantasiegebilde ist. Eine einzige Frage an einen Zeugen, ein kurzer, geschickt formulierter Antrag kann wichtiger sein, als ruheloses Agieren vor Gericht.

Weniger ist also manchmal mehr. Dies gilt insbesondere bei der Befragung von Belastungszeugen. In anderen Fällen ist ein Mehr an Befragung nötig. Der Verteidiger muss also herausfinden, ob ein Mensch sich mutmaßlich in einer Situation, wie sie der Zeuge gerade dargestellt hat, so benimmt, wie der Zeuge behauptet. Und die Kunst dabei ist, den Zeugen nicht erkennen zu lassen, wohin die Reise geht. Denn nur so kann der Verteidiger erwarten, auch von einem böswilligen Zeugen Antworten zu bekommen, die die Darstellung, die dieser Zeuge gegeben hat, innerlich unwahrscheinlich machen. Ein guter Verteidiger muss in der Lage sein, Beweisanträge im Strafverfahren so optimal zu platzieren, dass das Gericht diesen stattgeben muss.

Doch Fachwissen allein genügt nicht. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, dieses Wissen auch anwenden zu können. Intuitives Verständnis, Menschenkenntnis und Empathie sind kein Studienfach. Wer sie nicht hat, kann ein sehr guter Anwalt sein. Als Verteidiger wird er kläglich scheitern.

Fazit:

Niemand muss also das Mandat kündigen, wenn sein Verteidiger nicht auf der FOCUS-Liste steht. Jeder Mandant sollte aber hinterfragen, ob sein Anwalt ein guter Verteidiger ist. Jeder, der Zweifel daran hat, kann den Anwalt jederzeit wechseln.


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Strafrecht

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