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Wunder(-heiler) gibt es immer wieder

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Wunder(-heiler) gibt es immer wieder
anwalt.de kurios - skurrile Ereignisse zum Thema Recht

Patienten mit einer schweren Krankheit befinden sich in einer Ausnahmesituation. Dies nutzen Scharlatane und Wunderheiler oftmals schamlos aus. Im vorliegenden Fall warb der Angeklagte als selbst ernannter „Wunderheiler” in Zeitungsanzeigen damit, mithilfe seiner Fähigkeiten, wie Hand auflegen oder Pendeln, Beschwerden wie Krebs, Demenz, Alzheimer, Körpervergiftung, Hepatitis, HIV und anderes heilen zu können. Dies wiederum rief die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Diese erwirkte gegen den „Wunderheiler” einen Strafbefehl, in dem sie ihm einerseits die Berechtigung absprach, heilkundlich tätig werden zu dürfen, und andererseits vorwarf, die Patienten zu betrügen. Der Einspruch des Heilers hiergegen lag auf der Hand und das Pendel schwang für ihn schließlich Richtung Freispruch.

Pendeln und Handauflegen macht noch keinen Heilpraktiker

Zwischen März 2010 und Mai 2011 behandelte der Mann 58 Patienten, die für seine Dienste zwischen 60 Euro und 1000 Euro bezahlten. Seine Tätigkeit bestand darin, dass er zunächst den Gesundheitszustand seiner Kunden mit einem Pendel analysierte, danach legte er die Hände auf und führte später teilweise „Fernheilungen” per Telefon durch. Diesem „Heilen” wollte die Staatsanwaltschaft nicht länger tatenlos zusehen und trat auf den Plan.

Nach § 1 Abs. 1 Heilpraktikergesetz (HeilprG) benötigt man zur Ausübung der Heilkunde eine Erlaubnis. Übt man Heilkunde ohne Erlaubnis aus, so macht man sich nach § 5 HeilprG strafbar. Eine Erlaubnis muss jedoch nur für solche Behandlungen vorliegen, die gesundheitliche Schäden verursachen können. Davon ist beim Pendeln, Handauflegen und Fernheilen gerade nicht auszugehen. Folglich übte der „Wunderheiler” gar keine Heilkunde aus und konnte deshalb auch nicht gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen.

Eine indirekte Gesundheitsgefährdung der Patienten lag ebenfalls nicht vor, da der Angeklagte alle Patienten darauf hinwies, dass seine Tätigkeit keine schulmedizinische Behandlung ersetze, sie nicht vom Arztbesuch abhielt, sondern teilweise sogar noch zum Besuch beim Schulmediziner aufforderte.

Keine Heilung und trotzdem kein Betrug am Patienten

Ein Betrug nach § 263 Strafgesetzbuch (StGB) lag ebenfalls nicht vor, denn dafür müsste der Angeklagte über Tatsachen getäuscht haben. Da er gegenüber seinen Patienten aber weder angab, Arzt noch geprüfter und zugelassener Heilpraktiker zu sein, scheidet eine solche Täuschung bereits aus. Dadurch, dass der Angeklagte selbst an seine übersinnlichen Fähigkeiten glaubte und glaubt, fehlte es zudem am Täuschungsvorsatz. Folglich lag auch kein Betrug vor.

Seine Patienten fühlten sich von ihm ebenfalls nicht getäuscht oder betrogen, denn sie erwarteten von ihrem „Wunderheiler” nur, dass er versuchte, ihnen mittels seiner geistigen Kräfte zu helfen. Dass in den meisten Fällen keine Heilung eintrat, verwunderte keinen der Patienten, dies sei bei der Schulmedizin auch häufig der Fall.

Folglich wurde der „Wunderheiler” freigesprochen und der Strafbefehl aufgehoben.

(Amtsgericht Gießen, Urteil v. 12.06.2014, Az.: 507 Cs 402 Js 6823/11)

(WEI)

Foto : ©iStockphoto.com


Rechtstipp vom 06.02.2015
aus der Themenwelt Arzt und Patient und dem Rechtsgebiet Strafrecht