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Jury entscheidet - Todesstrafe für Attentäter auf Boston-Marathon?

Jury entscheidet - Todesstrafe für Attentäter auf Boston-Marathon?
Der mutmaßliche Täter des Anschlags auf den Boston-Marathon 2013 steht vor Gericht.

Vor beinahe zwei Jahren, am 15. April 2013, explodierten beim Boston-Marathon zwei mit Schnellkochtöpfen gebaute Bomben. Drei Zuschauer starben, 264 weitere Menschen wurden verletzt. Schnell gerieten zwei Brüder in Verdacht. Bei der anschließenden Verfolgung durch die Polizei kam ein Polizist und der ältere der beiden Brüder ums Leben. Sein jüngerer Bruder, Dschochar Zarnajew, der sich in einem Boot versteckt hatte, wurde dagegen festgenommen. Nun entscheidet die Jury über seine Schuld. Am Ende des Prozesses ist auch die Verhängung der Todesstrafe möglich.

Auswahl der Jury

Die zwölf Jury-Mitglieder und sechs Ersatzgeschworenen wurden Anfang des Jahres aus über 1200 Kandidaten durch Staatsanwaltschaft und Verteidigung des Angeklagten vorausgewählt. Die Geschworenen mussten vorab einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Die 100 Fragen betrafen dabei insbesondere die persönliche Meinung, wie Geschwister Lebensentscheidungen beeinflussen. Weitere Fragen an die Jury-Kandidaten bezogen sich auf deren Einstellung zu einer möglichen Todesstrafe bzw. lebenslangen Haft für Dschochar Zarnajew. Ein solches Vorgehen ist typisch für einen US-amerikanischen Strafprozess. Im weiteren Verlauf beruft der zuständige Richter dann die endgültige Jury. Sieben Frauen und fünf Männer sind es im Fall Zarnajews.

Zuvor versuchte Zarnajews Verteidigung, den Prozess noch in einen anderen Bundesstaat als Massachusetts zu verlagern. Bei einer Verhandlung in Massachusetts Hauptstadt Boston sei die Jury zu stark durch das Ereignis beeinflusst. Dieses Vorgehen blieb jedoch ohne Erfolg. Das Berufungsgericht bezweifelte die Ansicht, nach der jeder der fünf Millionen in Massachusetts als Jury-Mitglied in Frage kommenden Personen für voreingenommen gehalten wird.

Schuldig oder nicht schuldig

Nun muss die zwölfköpfige Jury zunächst entscheiden, in welchen der insgesamt 30 Anklagepunkte sie Dschochar Zarnajew für schuldig oder unschuldig hält. Aufgrund der erdrückenden Beweislage streitet selbst seine Verteidigung dabei nicht ab, dass er an den Taten beteiligt war. Anders als die Staatsanwaltschaft behauptet sie jedoch, dass Tamerlan Zarnajew seinen jüngeren Bruder Dschochar maßgeblich beeinflusst hat. Damit sind auch die Fragen im Rahmen der Juryauswahl zu erklären. Aus Sicht der Anklage haben hingegen beide Brüder den terroristischen Anschlag kaltblütig gemeinsam geplant und wie ein Team verwirklicht. Sie fordert dabei die Todesstrafe.

Todesstrafe möglich

17 Anklagepunkte würden die Verurteilung zum Tode rechtfertigen. Hält die Jury Zarnajew auch nur in einem dieser Punkte für schuldig, muss sie in einem anschließenden Verfahren klären, ob die Todesstrafe auch verhängt werden soll. Die jetzige Jury-Entscheidung wäre, sofern sie Zarnajew in einem dieser Anklagepunkte für schuldig hält, nur der erste Schritt.

Die Todesstrafe muss Dschochar Zarnajew dabei befürchten, obwohl sie der US-Bundesstaat Massachusetts schon im Jahr 1982 per Volksentscheid abgeschafft hat. Bereits 1947 wurde sie dort zum letzten Mal vollstreckt. Ein danach verabschiedetes Gesetz zur Wiedereinführung der Todesstrafe erklärte der Oberste Gerichtshof von Massachusetts (Supreme Judicial Court) 1984 für verfassungswidrig. Warum Dschochar Zarnajew in Massachusetts dennoch die Todesstrafe droht, hängt mit seiner Anklage vor einem US-Bundesgericht zusammen. Die Bundesstaatsanwaltschaft der Vereinigten Staaten hatte den Fall unter anderem wegen des Zarnajew vorgeworfenen Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen und wegen des damit verübten Anschlags auf den Boston-Marathon als nationales Ereignis an sich gezogen. Sie sieht diesen Anschlag dadurch als gegen die USA selbst gerichtetes Verbrechen. Für diese und weitere angeklagte Taten sieht Kapitel 228 des Strafrecht regelnden Teils des United States Code auf Bundesebene die Todesstrafe für zur Tatzeit über 18-jährige Täter vor. Zarnajew, der inzwischen 21 Jahre alt ist, hatte dieses Alter zum Tatzeitpunkt gerade erreicht. Aus diesem Grund findet die Verhandlung vor dem Bundesbezirksgericht (District Court) in Boston statt und nicht vor einem Gericht des Bundesstaats Massachusetts selbst.

(GUE)

Foto : ©Fotolia.com/nebari


Rechtstipp vom 07.04.2015
aus dem Rechtsgebiet Strafrecht | Amerikanisches Recht

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