Zur Navigation springen Zum Inhalt springen Zum Footer springen

Ich komme in Untersuchungshaft - Teil 3: Tipps für Betroffene

(3 Bewertungen) 5,0 von 5,0 Sternen (3 Bewertungen)

Wer in Untersuchungshaft gerät, muss sich in kürzester Zeit in einem Umfeld zurechtfinden, das viele Fallstricke birgt. In aller Regel kann er nicht – wie heute üblich – bei „Google“ nach der Lösung seiner Probleme suchen. In diesem Beitrag stellt Rechtsanwalt Dr. Maik Bunzel aus Cottbus einige Tipps für Inhaftierte zusammen, die Angehörige dem Betroffenen schon beim ersten Besuch mitteilen sollten. Die ersten zwei Beiträge dieser Serie richten sich unmittelbar an Angehörige des Inhaftierten – es empfiehlt sich deshalb, diese Beiträge zuerst zu lesen und die nötigen Sofortmaßnahmen zu ergreifen.

Äußerungen zum Tatvorwurf?

In der Untersuchungshaft ist man froh über jeden Gesprächspartner. Doch Vorsicht: Es gibt immer wieder – vor allem, aber bei weitem nicht nur im Betäubungsmittelbereich – erfahrene Untersuchungsgefangene, die sich selbst Erleichterungen verdienen wollen, indem sie als Zeugen gegen diejenigen Mitgefangenen aussagen, die sie zuvor „ausgehorcht“ haben. Hier gilt nichts anderes als gegenüber Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht: Schweigen Sie umfassend zum Tatvorwurf!

Allenfalls die vorgeworfene Straftat (Beispiel: Diebstahl, Betrug, Körperverletzung etc.) können Sie den anderen Inhaftierten mitteilen – mit einer wichtigen Ausnahme: Wirft man Ihnen ein Sexualdelikt oder eine Gewalttat zum Nachteil einer Frau oder eines Kindes vor, sollten Sie stattdessen eine Legende nutzen. Andernfalls droht eine „Sonderbehandlung“ – egal, ob an den Tatvorwürfen gegen Sie etwas dran ist!

„Du musst den Anwalt wechseln!“

Leider gibt es Rechtsanwälte, die auf zweifelhafte Art im Knast Werbung machen: Gegen Vergünstigungen, zum Teil gar gegen Bezahlung, gewinnen sie Inhaftierte oder Schließer als „Promoter“. Sodann kursieren Gerüchte und Legenden über den Superanwalt X, der jeden Mandanten nach spätestens einer Woche „raushaut“, oder der bei Besuchen gern Handys, Zigaretten und Schlimmeres mitbringt. Bedenken Sie hierbei immer: Jeder Gefangene, der Ihnen in der JVA gute Tipps geben kann, ist trotz vorgeblich bester Kenntnisse auch selbst nicht in Freiheit.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Untersuchungsgefangene auf schlechte Ratschläge hören. Noch während ein engagierter Strafverteidiger sich um Besuchserlaubnisse für Angehörige kümmert und an der wichtigen Begründung zur Haftbeschwerde arbeitet, bekommt er vom „Kollegen“ den Brief mit der Mandatskündigung „namens und in Vollmacht“ des Getäuschten.

Lassen Sie sich nicht von den typischen Knastweisheiten hinters Licht führen! Auch der beste Strafverteidiger kann nicht zaubern. Und ein Rechtsanwalt, der sich als Schmuggler andient, hat seine Qualitäten sicher nicht auf dem Gebiet der Strafverteidigung – er riskiert vielmehr mit jedem Besuch seine Zulassung. Das macht niemand, der mit guter Strafverteidigung sein Geld verdient.

Vorsicht ist auch geboten, wenn es um die Suche eines Experten für ein bestimmtes Rechtsgebiet geht. Auch hier kursieren fragwürdige Empfehlungen im Knast. Schon ein Blick auf die Internetseite des Fachanwalts für Versicherungsrecht macht oft klar, dass es sich nicht um den Experten für Mord und Totschlag handeln dürfte. Ist Ihnen der Blick ins Internet (auch „inoffiziell“) nicht möglich, bitten Sie Ihre Besucher, zu Hause im Internet zu recherchieren. Alternativ können Sie Ihren bisherigen Rechtsanwalt offen ansprechen: Ein seriöser Strafverteidiger übernimmt kein Mandat in einem Rechtsgebiet, von dem er keine Ahnung hat.

Sollten Sie an einen Verteidiger geraten sein, der Ihren Erwartungen nicht gerecht wird, müssen Sie Folgendes wissen: Ist dieser Verteidiger Ihr Pflichtverteidiger, bekommt er bereits jetzt sämtliche Gebühren für das Ermittlungsverfahren aus der Staatskasse. Kommt ein Verteidigerwechsel zustande, bezahlt der Staat dieselben Gebühren nicht noch einmal an Ihren neuen Pflichtverteidiger – den müssen Sie also selbst bezahlen. Dies sollten Sie im Hinterkopf behalten und ggf. mit Ihren Angehörigen besprechen, bevor Sie sich auf die Suche nach einem neuen Rechtsanwalt machen.

Zeit totschlagen – was tun?

Wenn die Untersuchungshaft nach der ersten Haftprüfung andauert bzw. eine Haftbeschwerde keinen Erfolg hatte, bleiben Sie unter Umständen über mehrere Monate in der JVA. Nutzen Sie diese Zeit am besten für Weiterbildungsmaßnahmen. Dies ist per Fernkurs in allen erdenklichen Bildungsbereichen und Berufsfeldern möglich. Für Ihre Sozialprognose im weiteren Verfahren kann dies sehr wertvoll sein. Sprechen Sie Ihren Strafverteidiger darauf an: Er kann Ihnen zum Beispiel helfen, die erforderlichen Ausnahmen bei der Postkontrolle zu erwirken.

Zur Arbeit im Knast darf niemand gezwungen werden. Trotzdem sollten Sie die – sehr schlecht bezahlte – Arbeit in der JVA annehmen, wenn das Angebot besteht. Abgesehen von einer willkommenen Abwechslung können auf diesem Wege – kleine – Geldbeträge angespart werden, die nach der Entlassung von Nutzen sind.

Für die übrige Freizeit können Sie sich bei der JVA Radio, CD-Player, DVD-Player und Fernseher meist leihen oder aber durch Angehörige in die JVA bringen lassen. Bringen Ihnen Freunde oder Angehörige solche Geräte, verlangt die JVA meist, sie zu untersuchen und zu verplomben. Dies kostet pro Gerät etwa 50 Euro. Zeitschriften und Bücher können Sie sich direkt von einer Buchhandlung oder vom Verlag schicken lassen. Die Kosten hierfür dürfen natürlich auch Freunde oder Angehörige übernehmen. Fragen Sie daher Ihre Besucher gezielt danach.


Rechtstipp vom 17.05.2017
aus dem Rechtsgebiet Strafrecht

Sie haben Fragen? Gleich Kontakt aufnehmen!

Profil-Bild
            Rechtsanwalt Dr. Maik Bunzel Rechtsanwalt Dr. Maik Bunzel

Rechtstipps zum Thema

Rechtstipps des Autors

Alle Rechtstipps von Rechtsanwalt Dr. Maik Bunzel

Damit Sie wissen, wann Sie im Recht sind

Informationen über aktuelle Gesetzesänderungen, neue Urteile, hilfreiche Tipps und Kurioses im wöchentlichen anwalt.de-Newsletter

Ihre E-Mail-Adresse wird nur für den anwalt.de-Newsletter verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können den anwalt.de-Newsletter jederzeit wieder abbestellen.