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Berufsunfähigkeitsversicherung: Anfechtung durch den Versicherer noch nach 10 Jahren möglich?

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Ein Beitrag von: Rechtsanwalt Björn Thorben M. Jöhnke, Fachanwalt für Versicherungsrecht und Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz, Partner der Kanzlei Jöhnke & Reichow Rechtsanwälte 

Der BGH hatte über folgenden Sachverhalt zu befinden:

Die Klägerin begehrte als Erbin ihres verstorbenen Ehemannes vom Versicherer Leistungen in Form von Rückzahlungen geleisteter Versicherungsprämien für eine von ihrem Mann 1994 abgeschlossene Lebensversicherung, welche im April 2002 um eine BUZ ergänzt wurde. Der Ehemann hatte dabei seine Parkinson-Krankheit verschwiegen und kreuzte alle Gesundheitsfragen mit „nein“ an. Ab August 2008 war der Ehemann infolge eines Gehirntumors und seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung bis zu seinem Tod im August 2013 berufsunfähig. Im Januar 2012 wurde ein Leistungsantrag bei der Beklagten gestellt, wobei der Ehemann erstmalig angab, seit 1990 an Morbus Parkinson und seit Juli 2008 an einem Gehirntumor erkrankt zu sein.

Mit Anfechtung vom 18.07.2012 löste sich die Beklagte wegen arglistiger Täuschung von der BUZ. Die Beklagte trug vor, dass der Ehemann falsche Angaben bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen gemacht habe und lehnte damit auch eine Beitragsfreistellung hinsichtlich der Lebensversicherung ab. 

Die Klägerin forderte nun die Rückzahlung der daraufhin weiterbezahlten Prämien. Die Klägerin bestritt eine arglistige Täuschung und erhob den Einwand, dass die Anfechtungserklärung der Beklagten „verfristet“ sei.

Das LG Stuttgart wies die Klage ab. Das OLG Stuttgart ebenfalls. Der BGH hob das Urteil auf und gab der Klage im Wesentlichen statt.

Die rechtliche Würdigung des BGH

Der BGH gab an, dass die Problematik einer etwaigen arglistigen Täuschung durch den Ehemann der Klägerin dahinstehen könne, denn jedenfalls erfolgte die Anfechtungserklärung der Beklagten verspätet. Die Anfechtung sei damit unwirksam. Die Zehnjahresfrist des § 124 Abs. 3 BGB sei vorliegend nicht eingehalten worden, denn ab Abgabe der Willenserklärung – Abschluss der BUZ im April 2002 – und der Anfechtung im Juli 2012, sind zehn Jahre verstrichen. 

Die Problematik dieses Falles

Die Vorinstanzen sind einer in der Rechtsliteratur vertretenen Mindermeinung gefolgt, dass eine Zehnjahresfrist nicht für Fälle Anwendung finden würde, in welchen der Versicherungsfall bereits eingetreten ist. Das OLG gab in seiner Entscheidung an:

„Soweit ersichtlich, gibt es hierzu noch keine obergerichtliche oder gar höchstrichterliche Rechtsprechung; in der Literatur werden die entscheidungserheblichen Rechtsfragen kontrovers, jedoch ohne größere Vertiefung erörtert. Der Senat ließ sich von folgenden Erwägungen leiten […]“.

Das OLG begründet seine Entscheidung damit, dass die 10-Jahres-Frist des § 21 Abs. 3 Satz 2 VVG nur dann Ausschlusswirkung entfaltet, wenn nicht vor Ablauf der Frist der Versicherungsfall eingetreten ist; denn bei arglistiger Täuschung bedarf der Versicherer mindestens des gleichen Schutzes vor Missbrauch wie im Falle bloß grob fahrlässiger Verletzung der in § 19 Abs. 1 VVG bezeichneten Anzeigeobliegenheiten.

Diese Auffassung überzeugte den BGH nicht und er folgte der herrschenden Meinung, welche § 21 Abs. 3 Satz 2 VVG auf die Arglistanfechtung nicht anwendet. Dabei beruft der BGH sich auf den Gesetzeswortlaut in § 21 Abs. 3 Satz 1 VVG, wonach nur die Rechte des Versicherers nach § 19 Abs. 2-4 VVG angesprochen seien, während sich § 22 VVG mit dem Recht des Versicherers, den Vertrag wegen arglistiger Täuschung anzufechten, auseinandersetze. Der BGH beruft sich dabei auch auf die Gesetzesbegründung, welche mit der zehnjährigen Ausschlussfrist des § 21 Abs. 3 Satz 2 VVG gerade eine dem § 124 Abs. 3 BGB entsprechende Befristung erreichen wollte.

Nach zehn Jahren ist Schluss!

Zwar hat der BGH nunmehr eine umstrittene Frage geklärt. Überraschend ist diese Entscheidung jedoch nicht, denn der BGH ist damit der bereits bekannten herrschenden Meinung gefolgt, nämlich, dass nach zehn Jahren mit der Anfechtungsmöglichkeit des Versicherers Schluss ist. Diese Ansicht war in der Versicherungsbranche bereits verbreitet. 

Auswirkungen des BGH-Urteils

Für die Beratungspraxis dürften sich kaum Auswirkungen ergeben, zumal Vermittler in den Versicherungsanträgen mit den Versicherungsnehmern wahrheitsgemäße Angaben hinsichtlich der Gesundheitsfragen zu machen haben. Indes sollte einem Vermittler davon abgeraten werden, eine Versicherung zu verkaufen mit dem Hinweis, man könne zehn Jahre warten, sodass der Kunde dann auf der „sicheren Seite“ sei. Denn damit würde der Vermittler „Tür und Tor“ für seine eigene Haftung öffnen. Von daher ist der Vermittler gut beraten, wenn er stets ordnungsgemäße Angaben mit dem Kunden tätigt und den Kunden auf alle Risiken einer Falschbeantwortung hinweist. Da ein kollusives Zusammenwirken zu Lasten des Versicherers auch strafrechtlich relevant ist und dieses ebenfalls die IHK interessieren dürfe, sollte der Vermittler keine Falschangaben bei der Beantragung der Versicherung machen. Insbesondere bestehende Vorerkrankungen sollten nicht verschwiegen werden, denn fraglich wäre, ob der Haftpflichtversicherer des Vermittlers für derart bewusste Falschangaben eintritt. Jedoch steht es dem Vermittler frei, den Kunden auf aktuelle und ihm bekannte Rechtsprechung hinzuweisen.

Für den Versicherungsnehmer ergibt sich nunmehr eine Klarstellung. Das bedeutet, dass sich der Versicherungsnehmer nach zehn Jahren in der Tat „auf der sicheren Seite“ wägen kann. Sollten Angaben bewusst verschwiegen worden sein, so hat der Versicherer dennoch zu leisten.

Für den Versicherer hat dieses Urteil ebenfalls eine klarstellende Funktion. Ob der Versicherer Prämien erhöhen wird, bleibt abzuwarten. Das Risiko war dem Versicherer stets bewusst, sodass nicht von einer Prämienerhöhung aufgrund des Urteils auszugehen ist. Derartige Risiken gehen Versicherer auch bewusst ein, denn als äquivalent erhalten diese auch Prämien. Eine entsprechende Wartezeit ohne Gesundheitsprüfung von zehn Jahren in den Vertrag einzubauen wäre denkbar, jedoch nicht praktikabel, denn kaum ein Versicherungsnehmer weiß mit Sicherheit, dass er zehn Jahre nicht berufsunfähig wird. Von daher werden seitens des Versicherers kaum Auswirkungen zu erwarten sein.

Spezialisierte Fachanwälte sind unersetzbar in BU-Verfahren

Rechtsanwalt Björn Thorben M. Jöhnke aus der Kanzlei Jöhnke & Reichow Rechtsanwälte aus Hamburg hat sich auf derartige Rechtsgebiete wie dem Versicherungsrecht (Berufsunfähigkeitsversicherungen, Hilfe bei Berufsunfähigkeit) spezialisiert. Aufgrund seiner Ausbildung und praktischen Erfahrungen im Versicherungsrecht wurde Herr Rechtsanwalt Jöhnke der Titel Fachanwalt für Versicherungsrecht von der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Hamburg verliehen. Herr Jöhnke verfügt somit über die entsprechende Fachexpertise Berufsunfähigkeitsverfahren sowie Berufsunfähigkeitsprozesse bundesweit zu betreuen und zu führen.

Bundesweite Vertretung durch Jöhnke & Reichow Rechtsanwälte

Die Rechtsanwälte der Kanzlei Jöhnke & Reichow verfügen über langjährige Erfahrung und Kompetenz in dem Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherungen und vertreten Versicherungsnehmer überregional.

Jöhnke & Reichow Rechtsanwälte bei Berufsunfähigkeit

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  • Vertretung in außergerichtlichen Verfahren gegen die Berufsunfähigkeitsversicherung
  • Vertretung in gerichtlichen Verfahren gegen die Berufsunfähigkeitsversicherung
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Nehmen Sie gern Kontakt mit unserer Kanzlei auf. Gern planen wir mit Ihnen zusammen eine Strategie um Sie bei der Anspruchsdurchsetzung gegenüber der Berufsunfähigkeitsversicherung zu unterstützen.

Expertenrat zahlt sich bei Berufsunfähigkeit aus!

Bei der Geltendmachung von Ansprüchen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Kanzlei Jöhnke & Reichow Rechtsanwälte gern Ihr Ansprechpartner und steht Ihnen jederzeit unterstützend zur Seite. Die Kanzlei blickt auf eine Vielzahl von Berufsunfähigkeits-Fällen zurück und kann Ihnen mit Erfahrung und Kompetenz dienen. 

Björn Thorben M. Jöhnke

Rechtsanwalt

Fachanwalt für Versicherungsrecht

Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz


Rechtstipp vom 17.09.2018

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