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Nackte Tatsachen – wie viel Haut ist wo erlaubt?

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Nackte Tatsachen – wie viel Haut ist wo erlaubt?
Ausgedehnte Sonnenbäder sind im Sommer nicht wegzudenken. Beim Nachbarn wecken sie aber gemischtes Gefühle und rechtlich lässt sich hervorragend über sie streiten.

Der Hochsommer klopfte dieses Jahr schon Ende Mai an und erreicht nun mit der nicht enden wollenden Hitzewelle seinen Höhepunkt. Bei Temperaturen von weit über 30 Grad stehen vor allem Schwimmen, Grillen, und ausgedehnte Sonnenbäder hoch im Kurs. Mit viel nackter Haut, lässt sich aber nicht nur die Sonne genießen, sondern auch viel Streit heraufbeschwören. Grund genug, so manche rechtliche Frage rund um das Thema nackte Haut im Sommer zu stellen: 

Wie viel Haut ist wo erlaubt? Wo darf man Nacktbaden und wo nicht? Wie viel Freiheit hat man als Hausherr oder Hausdame? Und was darf der Nachbar? Müssen Nachbarn den Anblick der nackten Haut hinnehmen? Und wenn ja: Darf man dann als Nachbar die schöne Nachbarin bewundern oder muss Mann wegschauen? Und wie sieht es mit dem Saunagang im eigenen Garten aus? Darf man nackt durch den Garten in die Sauna gehen und danach noch einen Nacktspaziergang im Garten machen? Und was hat es mit dem Weltnacktradeltag auf sich? Darf man wirklich ohne Kleidung Rad fahren? 

Freiheitsinteresse und Privatsphäre vs. Belästigung der Allgemeinheit

Allen Fragen rund um das Nacktsein ist gemein, dass sich in der Regel zwei Interessen gegenüberstehen. Einerseits beruft sich etwa der Sonnenanbeter darauf doch in seinen eigenen vier Wänden tun und lassen zu können, was er oder sie gerne möchte, andererseits fühlen sich vor allem Nachbarn leicht gestört und berufen sich auf den moralischen oder sittlichen Anstand. Was die einen für unzumutbar halten, empfinden andere als ihr gutes Recht, das eigene Leben selbst frei zu gestalten. Wer hat nun recht? Muss der Sonnenanbeter Rücksicht auf den Nachbarn nehmen oder muss der Nachbar seinen nackten Nachbarn hinnehmen? Bei tropischen Temperaturen ist es doch gar nicht mal so abwegig, die Sonne auf dem Balkon genießen zu wollen oder im eigenen Gartenpool eine Abkühlung zu suchen. 

Sonnenbad im Garten & auf dem Balkon

Grundsätzlich ist das nackte Sonnenbad im eigenen Garten und dem Balkon erlaubt. Wenn es heiß wird, darf man also in der Regel die Hüllen fallen lassen. Ganz so eindeutig ist die Rechtslage aber nicht, denn Nachbarn müssen das nackte Sonnenbad nicht immer akzeptieren. Eine eindeutige Rechtsprechung zu der Frage gibt es bisher nicht. Daher kann das Nacktbaden im Einzelfall doch ungewünschte Konsequenzen haben. 

Strafrechtliche Folgen beim Nacktbaden

Da das Nacktbaden im eigenen Garten grundsätzlich erlaubt ist, muss man nicht mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Nacktbaden ist also keine Straftat, es kann aber im Einzelfall eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Entscheidend dafür ist die Lage des Gartens oder des Balkons. Liegt der Balkon oder Garten so, dass er für andere Mieter, Nachbarn oder Spaziergänger gut einsehbar ist, können diese sich durch das freizügige Sonnenbad berechtigt gestört fühlen. In diesem Fall liegt dann beim nackten Sonnenbad doch eine Ordnungswidrigkeit nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz (OWiG) wegen Belästigung der Allgemeinheit vor. Grundsätzlich darf man sich also sowohl auf Balkonien als auch im eigenen Garten nackt aufhalten; wenn Balkon oder Garten aber gut einsehbar sind, ist Vorsicht geboten. 

Mietrechtliche Folgen beim Nacktbaden

Neben dem ordnungsrechtlichen Ordnungsgeld kann beim freizügigen Sonnenbad auch eine mietrechtliche Kündigung drohen. Eine Kündigung droht vor allem dann, wenn mit dem freizügigen Sonnenbad gegen die Hausordnung verstoßen oder der Hausfrieden gestört wird. Wann genau die ordentliche oder außerordentliche Kündigung des Mietvertrags droht, lässt sich aber nicht eindeutig feststellen – denn es fehlt an einer gefestigten eindeutigen Rechtsprechung. Einzig das Amtsgericht Merzig (AG Merzig) hat sich einmal mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein Vermieter das Mietverhältnis kündigen kann, wenn sich andere Nachbarn über die Sonnenanbeterin beschweren. Das Gericht lehnte die Kündigung ab, weil die Beschwerden von Nachbarn kamen, die nicht im Mietshaus wohnen. Andere Mieter aus dem Mietshaus selbst hatten sich nicht beschwert. Daher war der Hausfrieden in diesem Fall nicht gestört. Wegen Sonnenbadens die Wohnung gekündigt zu bekommen ist daher zwar unwahrscheinlich, aber rechtlich unter Umständen durchaus möglich. 

Neugierige Blicke der Nachbarn

Grundsätzlich darf man also im eigenen Garten nackt die Sonne genießen und läuft nur in Einzelfällen Gefahr eine Ordnungswidrigkeit zu begehen oder die Wohnung zu verlieren. Was gilt nun für die neugierigen Blicke der Nachbarn? Muss man sich diese gefallen lassen oder kann man dem Nachbarn verbieten das Sonnenbad zu beobachten? 

Wer sich mit viel nackter Haut zeigt, muss grundsätzlich mit den Blicken der Nachbarn leben. Nachbarn müssen deshalb nicht gezielt wegschauen oder mit geducktem Kopf durch ihren Garten gehen, wenn die Nachbarin mal wieder unbekleidet die Sonne genießt. Gezielt beobachten dürfen sie ihre Nachbarin oder Nachbarn aber nicht. Erst Recht nicht erlaubt ist es, das nackte Sonnenbad der Nachbarn zu fotografieren oder zu filmen. Wer seinen Körper im freizügigen Sonnenbad zur Schau stellt, muss zwar mit neugieren Blicken rechnen, Videoaufnahmen gehen aber zu weit und verletzen die Intimsphäre des Sonnenanbeters. 

Der Saunabesuch

Nicht nur die Finnen lieben ihre Sauna, sondern auch in Deutschland erfreut sich der Saunabesuch großer Beliebtheit und so manch einer lässt sich seine eigene Saune in den Garten bauen. So auch ein Dortmunder Familienvater, der nicht nur den Saunagang liebte, sondern auch den anschließenden Nacktsparziergang im Garten. Dem ohnehin sehr streitlustigen Nachbarn missfiel das und er wollte sich nicht mit dem Anblick seines nackten Nachbarn abfinden. Deshalb versuchte er dem Nachbarn gerichtlich verbieten zu lassen, sich nach dem Saunagang nackt in seinem Garten abzukühlen.

Amtsgericht verhängt Totalverbot

Das Amtsgericht gab dem Nachbarn recht. Dieser konnte durch seine detaillierte Beschreibung der Intimfrisur nachweisen, dass er den Nachbarn tatsächlich nackt in seinem Garten sehen konnte. Das Amtsgericht verbot dem Nachbarn nicht nur die splitterfasernackte Abkühlung nach dem Saunagang, sondern legte ihm auf, dafür Sorge zu tragen, dass auch andere Personen sich nicht nackt in seinem Garten aufhalten würden. Durch dieses Totalverbot durften nicht einmal mehr seine Kinder unbekleidet im Garten spielen. Rechtskräftig wurde das Urteil aber nicht, denn der Familienvater ging in die zweite Instanz. Im dortigen Verfahren zog der Nachbar seine Klage wegen geringer Erfolgsaussichten zurück. 

Landgericht erlaubt das Nacktsein im Garten

Das Landgericht Dortmund (LG Dortmund) signalisierte dem Nachbarn mit sehr klaren Worten, dass es die Ansicht des Amtsgerichts nicht teile, denn der Anblick eines nackten Mannes nebenan sei aus Sicht der Berufungsrichter absolut hinnehmbar. Da der Garten in diesem Fall auch kein öffentlicher Raum sei, weil er von einer zwei Meter hohen Hecke umschlossen war, war es nicht gerechtfertigt das Recht des Mannes einzuschränken. Im Ergebnis steht also das Landgericht Dortmund wohl auch auf dem Standpunkt, dass Frau und Mann sich im eigenen Garten nackt aufhalten dürfen. 

Sport ohne Hüllen – Nacktradeln erlaubt? 

Für viel Ärger sorgen aber nicht nur Sonnenbad und Saunagänge, sondern auch der nackte Sport. Unglaublich aber wahr: London, Mexico City, L.A, Lima, Santiago de Chile oder Kapstadt – in vielen Städten ist Nacktradeln oder FKK-Radeln ein beliebter Sport. Seinen Ursprung hat dieser ungewöhnliche Sport unter anderem im heißen Spanien. Im Juni herrscht zum Internationalen Weltnacktradeltag aber in zahlreichen Metropolen Nackt-Alarm. Dieser kuriose Tag wird seit Jahren zelebriert und ist zu einer Mischung aus Sport und Protest geworden. 

Die nackten Fahrradfahrer protestieren hauptsächlich für mehr Rechte der Radfahrer, mehr Fahrradfahrer oder den Umweltschutz. Die nackte Haut sorgt aber nicht überall für Begeisterung. Gerade in deutschen Städten benötigt die Aktion entweder eine gesonderte Genehmigung oder ist sogar ganz verboten. So sorgte 2005 die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Karlsruhe (VG Karlsruhe) für Aufsehen – denn die Richter verboten das FKK-Radeln am Weltnacktradlertag wegen grober Ungehörigkeit. Auch immer mehr Ordnungsämter verbieten die Aktion, da sie gegen die öffentliche Ordnung verstoßen würde. 

Unabhängig von diesem Event, gibt es zum Thema Nacktradeln keine Vorschrift. Nach den deutschen Gesetzen ist diese Form des Sports weder explizit verboten noch ausdrücklich erlaubt. Außerhalb von speziell gekennzeichneten FKK-Gebieten oder speziellen Aktionen wie dem Weltnacktradlertag kann man sich mit dieser speziellen Variante des Fahrradfahrens aber schnell eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Belästigung der Allgemeinheit einhandeln. Ersteres ist eine Straftat für, die allerdings sexuelle Motive voraussetzt. Letzteres eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld sanktioniert werden kann. 

Fazit: 

Nackte Haut sorgt also nicht nur immer wieder für Ärger, sondern wirft auch viele rechtliche Fragen auf. Die Rechtslage ist dabei keinesfalls eindeutig. Bisher mussten sich Gerichte nur selten mit der Frage auseinandersetzen, wie viel nackte Haut erlaubt ist und wo die Grenzen liegen. Daher spricht grundsätzlich nichts dagegen, sich an heißen Tagen sehr freizügig im eigenen Garten aufzuhalten – auf ein Gerichtsverfahren sollte man es aber im Einzelfall nicht ankommen lassen, denn das „moralische Empfinden“ ist vor Gericht ein dünnes Eis, wobei aber mehr und mehr Urteile zur Moral überholt werden. 

(THE)

Foto : Shutterstock.com/Luis Molinero


Rechtstipp vom 26.08.2016
Aktualisiert am 01.08.2018
aus der Themenwelt Balkon und Garten und den Rechtsgebieten Mietrecht & Wohnungseigentumsrecht, Verfassungsrecht

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