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Mord und Totschlag – Was ist der Unterschied?

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Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Mord und Totschlag? Um diese Frage ranken sich zahlreiche Mythen. Etwa die, dass ein Mord immer geplant ist und ein Totschlag immer im Affekt geschieht. In diesem Beitrag erkläre ich Ihnen, warum das nicht stimmt und warum es sowohl einen Mord im Affekt als auch einen geplanten Totschlag gibt. Wer es etwas plastischer möchte, ist herzlich dazu eingeladen, sich mein unten verlinktes YouTube-Video zu diesem Thema anzuschauen.  

Um den Unterschied zwischen Mord und Totschlag zu verstehen, müssen wir erstmal wissen, was beide Straftatbestände gemeinsam haben. In beiden Fällen tötet jemand einen anderen Menschen, und zwar vorsätzlich. Ganz grob gesagt bedeutet das, dass der Täter sowohl beim Mord als auch beim Totschlag töten will oder dass es ihm zumindest vollkommen egal ist, ob durch das, was er tut, ein anderer Mensch sterben könnte. 

Totschlag

Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird nach § 212 Abs. 1 StGB als Totschläger mit einer Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahren bestraft. 

Nach dieser Norm ist also erst einmal jeder, der einen Menschen vorsätzlich getötet hat, ein Totschläger. Es sei denn, er ist ein Mörder. Ganz offensichtlich müssen gewisse Merkmale hinzukommen, damit eine Tat als Mord eingeordnet wird, aber welche das sind, das verrät uns § 212 StGB nicht. 

Was muss hinzukommen, damit ein Totschlag zum Mord wird?

Während ein Totschläger in der Regel für 5 bis höchstens 15 Jahre ins Gefängnis geht, wird ein Mörder mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. Angesichts dessen könnte man meinen, dass der Unterschied zwischen Mord und Totschlag riesig ist und vor allem klar auf der Hand liegt. Vielen meiner Mandanten, die einen Menschen getötet haben, war im Moment der Tat überhaupt nicht bewusst, dass sie gerade einen Mord begehen. Wenn dann die Anklage wegen Mordes kommt und plötzlich lebenslange Freiheitsstrafe droht, sind sie oft geschockt. 

Also was sind das für Merkmale, die einen Totschläger zum Mörder machen? 

Mord

Diese finden wir in § 211 StGB. Von diesen Mordmerkmalen gibt es 8 Stück. 5 davon stellen auf das Motiv des Täters ab, die übrigen 3 beziehen sich auf die Art und Weise der Tatausführung. Der Vorsatz des Täters muss sich sowohl auf die Tötung als auch auf die Mordmerkmale beziehen. 

Subjektive Mordmerkmale

Jetzt schauen wir uns die 5 subjektiven Mordmerkmale, die auf das Motiv des Täters abstellen, mal genauer an:

1. Mordlust

Aus Mordlust tötet derjenige, dessen einziges Motiv die Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens ist. Klassisches Beispiel: Jemand schaut sich einen Horrorfilm an und möchte danach mal selbst erleben, wie es ist, einen Menschen zu töten. Also zieht er los, sucht sich einen ihm völlig fremden Menschen aus und tötet ihn. 

2. Zur Befriedigung des Geschlechtstriebs

Zur Befriedigung des Geschlechtstriebs tötet, wer im Tötungsakt selbst geschlechtliche Befriedigung sucht (= Lustmord), wer tötet, um danach seine sexuelle Lust an der Leiche zu befriedigen (= Nekrophilie) oder wer die Tötung seines Sexualobjekts zumindest in Kauf nimmt, um typischerweise den Geschlechtsverkehr durchführen zu können (= Vergewaltigung, bei der der Täter sein Opfer würgt, weil es sich heftig wehrt). 

3. Habgier

Habgier ist das ungezügelte und rücksichtslose Streben nach Gewinn um jeden Preis, auch um den eines Menschenlebens. Beispiele: Raubmord, bezahlter Auftragsmord, Mord, um an ein Erbe oder eine Lebensversicherung zu kommen. 

4. Sonst aus niederen Beweggründen

Niedrige Beweggründe sind Motive, die auf sittlich tiefster Stufe stehen und geradezu verachtenswert sind. Beispiel: Rache, Hass, Eifersucht – wenn nicht nachvollziehbar. 

5. Zur Ermöglichung oder Verdeckung einer Straftat

Für das Mordmerkmal “Ermöglichungsabsicht” ist es erforderlich, dass sich der Täter für die Tötungshandlung entschieden hat, um auf diese Weise die spätere Straftat überhaupt, schneller oder leichter begehen zu können. Beispiel: Um ein Geschäft auszurauben, wird zunächst der Sicherheitsmann getötet. 

In Verdeckungsabsicht handelt, wer tötet, um dadurch eine vorangegangene Straftat als solche oder auch Spuren zu verdecken, die bei einer näheren Untersuchung Aufschluss über bedeutsame Tatumstände geben könnten. Beispiel: Ein maskierter Mann vergewaltigt eine Frau. Während der Tat reißt sie ihm die Maske vom Gesicht. Damit sie ihn später nicht identifizieren oder der Polizei eine Personenbeschreibung mitteilen kann, entschließt er sich nach der beendeten Vergewaltigung zur Tötung.  

So, wir haben uns jetzt alle subjektiven Mordmerkmale, also die, die auf das Motiv des Täters abstellen, angeschaut.

Objektive Mordmerkmale

Es gibt aber auch noch die 3 objektiven Mordmerkmale, die sich auf die Tatausführung beziehen. 

1. Heimtücke

Wir Strafrechtler definieren Heimtücke als das bewusste Ausnutzen der durch die Arglosigkeit des Opfers geschaffene Wehrlosigkeit des Opfers. Wer arglos ist, also überhaupt nicht mit einem Angriff rechnet, kann er sich viel schlechter oder überhaupt nicht wehren. Typisches Beispiel für den Heimtückemord sind Heckenschützenfälle, in denen ein geübter Schütze mit einem Scharfschützengewehr jemanden aus weiter Entfernung erschießt.

2. Grausam

Wer bei der Tötung grausam vorgeht, wird ebenfalls als Mörder bestraft. Grausam tötet, wer dem Opfer aus gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung, Schmerzen oder Qualen körperlicher oder seelischer Art zufügt, die nach Stärke oder Dauer über das für die Tötung erforderliche Maß hinausgehen. Natürlich ist fast jede Tötungshandlung mit Schmerzen oder Qualen für das Opfer verbunden. Damit das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt ist, muss es, ganz grob gesagt, schon ein bisschen zugehen, wie im Mittelalter. 

3. Mit gemeingefährlichen Mitteln

Eine Tötung mit gemeingefährlichen Mitteln wird ebenfalls als Mord bestraft. Sie wird angenommen, wenn der Täter Tatmittel einsetzt, deren Wirkungsweise er im Einzelfall nicht sicher zu beherrschen vermag und die geeignet sind, eine größere Zahl von Menschen an Leib und Leben zu gefährden. Bestes Beispiel ist der Einsatz einer Bombe, aber auch wahllos in eine Menschenmenge abgegebene Schüsse sind gemeingefährlich. 

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Unterschied zwischen Mord und Totschlag manchmal auf den ersten Blick wenig nachvollziehbar ist, das Strafmaß sich aber ganz erheblich unterscheidet. Die Frage, ob eine Tat als Mord oder Totschlag zu qualifizieren ist, ist deshalb eine zentrale Frage meiner täglichen Praxis als Strafverteidigerin. 

Eine vorsätzliche Tötung ist immer dann als Mord einzustufen, wenn eines der oben genannten Mordmerkmale erfüllt ist und sich der Vorsatz des Täters auch auf dieses Mordmerkmal bezieht. 

Mord im Affekt

Liegt ein Mordmerkmal vor, ist eine Tötung auch dann ein Mord, wenn sie im Affekt geschieht. Wer beispielsweise im Affekt eine schlafende Person tötet, begeht jedenfalls dann einen Heimtückemord, wenn er trotz der affektiven Gefühlslage die Arg- und Wehrlosigkeit seines schlafenden Opfers ausgenutzt hat. 

Geplanter Totschlag

Liegt hingegen keines der genannten Mordmerkmale vor, ist eine Tötung auch dann "lediglich" ein Totschlag, wenn sie von langer Hand geplant war. 

Praxishinweis

Ein guter Strafverteidiger, der unbedingt zugleich Fachanwalt für Strafrecht sein sollte, kann mitunter viel bewirken, wenn Sie oder ein Angehöriger wegen Mordes angeklagt sind. Es gilt dann, zu beweisen, dass bei der Tötung eben keines der genannten Mordmerkmale vorlag oder dass sich zumindest der Vorsatz nicht darauf bezog. Dann kann aus einer drohenden lebenslangen Freiheitsstrafe sehr schnell eine zeitige Freiheitsstrafe von im besten Fall "nur" 5 Jahren werden. Dr. Arabella Pooth ist erfahrende Strafverteidigerin in Tötungsdelikten. Sie ist nicht nur Fachanwältin für Strafrecht, sondern bildet als Dozentin andere Anwälte zu Fachanwälten für Strafrecht aus.

Schauen Sie sich gern das YouTube-Video von Dr. Arabella Pooth zum Thema Mord & Totschlag an!


Rechtstipp aus dem Rechtsgebiet Strafrecht | Europäisches Recht, Russisches Recht

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